Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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Gewißheit hat sie verworfen. Die Kraft des Gewissens, die Kant als Auswirkung des moralischen Gesetzes mit eherner Festigkeit begründet hatte, kann in der Romantik keine Quelle mehr außerhalb ihrer haben. Das Gewissen ist in der Romantik nicht mehr Verantwortung, es ist Schöpfer; es ist selbst zum Weltschöpfer geworden. Novalis nennt es geradezu die sinn- und welterzeugende Macht, den Keim aller Persönlichkeit, und wiederum den eingeborenen Mittler jedes Menschen, des Menschen eigenstes Wesen in voller Verklärung, den himmlischen Urmenschen. So ist der Grundgedanke der romantischen Ethik, in dem die vollkommene Umbiegung ihrer Erinnerung klar wird, der eines schöpferisch organischen Weltwachstums, das im innersten Keim der Persönlichkeit, der Persönlichkeitsform überhaupt, seinen Anfang nimmt, und im messianischen Traum vom großen, Natur und Gott versöhnenden Menschen, vom alldurchwaltenden mystischen Kaiser, endet. Und so mündet die Erinnerung der Romantik in die Hoffnung - oder Erinnerung und Hoffnung einen sich in ihr im zeitlosen Bilde göttlich erfüllenden Menschentums. Der mystische Kaiser, der romantische Messias, das Bild des göttlichen Menschen, der in der eingeborenen Identität mit allem Leben zugleich die Natur erlöst: so hat sich in der Romantik das Bild Christi gewandelt. Und so ist die Liebe, die in diesem Christus verkörpert ist, nicht die christliche Agape: nicht das aus Gott herabfließende Band realer menschlicher Gemeinschaft - sondern es ist eine irdischere zugleich und geistigere Liebe, die Erde und Himmel im Geiste mystisch verknüpft: die Liebe des todberührten Unendlichkeitstraumes der romantischen Lyrik und aller Lyrik überhaupt: Eros, Aber der romantische Eros ist nicht mehr einfach der antike Eros als Weltbildner und auch nicht allein der Gott des Plato, der durch die Schönheit des einzelnen erblickten Bildes zum Urbild aller Schönheit emporreißt; obwohl er auch dies beides ist, ist er noch ein drittes: er ist zugleich der ironische Gott der Vernichtung. Im romantischen Eros lebt das Hingegebensein an die Schönheit jeder einzelnen Erscheinung im Erblicken ihres Getroffenseins vom Tode, das sehnsüchtige Erkranken der Seele an jeder einzelnen Vollendung, das Fortgezogenwerden durch sie in immer weitere und tiefere Zusammenhänge: diese einzige Fähigkeit, die letzte Schönheit, Symbolik und eigenste Tiefe jeder Erscheinung zu begreifen und in ewiger Liebe zu jedem vergänglichen Bild eines Ganzen zu 414