Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Romantik, das ist die Zeit, in der die Seele mit aller versunkenen Göttlichkeit des Lebens genährt, in einsamer Selbstherrlichkeit dem Abgrund der vollendeten Glaubenslosigkeit entsteigt und ihren schweigenden, einsam strahlenden Weg in die Nacht antritt. Wo sie wandelt, da verklärt sich das Leben, da blüht und funkelt jeder Weg und Steg. Tränen des Leides wie der Freude werden zum Tau, der das ganze Leben in unzähligen Tropfen aufleuchten läßt: zu dichterischen Sinnbildern innerer Wirklichkeit. Aber das Ziel dieses unendlichen Weges läuft in seinen Ausgangspunkt zurück: es verliert sich in der Nacht des Inneren. Keine Neubelebung und Neubeseelung einer für alle gültigen Erlöserbotschaft, keine Schöpfung einer neuen religiösen Wirklichkeit, keine neue Gestaltung des Gemeinschaftslebens - dies ihr letztes utopische Ziel - ist der Romantik gelungen: nur ein Gebiet hat sie wirklich umzugestalten vermocht: das des ganz persönlichen Lebens. Was ihr in der Gemeinschaft notwendig versagt bleiben mußte: die Rückführung des Lebens in die erinnerte Göttlichkeit, das hat sie im einzelnen Leben gerade dadurch, daß sie allen Wert und Sinn des Lebens in das Innere verlegte, so nah wie keine andere Zeit angerührt. Und obwohl sich uns so das überschwängliche Persönlichkeitsideal der Romantik deutlich als ein zeitlich bedingtes, als das äußerste Gegenbild einer zerstörten, entseelten Welt enthüllt hat, ist doch der Duft dieser großen Blüte für immer über der europäischen Welt hängen geblieben. Es ist der Duft der blauen Traumblume des Ofterdingen, die unter dem Bilde der durchsichtigsten und vollendetsten Gestalt des Lebens die Seele in immer weitere Fernen und auf immer weitere Höhen hinauslockt, ohne ihr ein anderes Ziel zu zeigen, als immer nur dies ihr eigenes Traumbild; dies reinste Symbol der lyrisch-ironischen Lebensgestaltung der Romantik: des Weges der Seele in einer entgöttlichten Welt zu einem nicht mehr angebbaren Heil, das nur die Spiegelung ihrer Träume ist: nichts anderes als die Vergöttlichung des Lebens durch die Seele selbst in ihrem rastlosen Hindurchgehen durch alle seine Pfade und Möglichkeiten. Denn sie findet nichts mehr, an das sie sich binden könnte. Wie sie sich an keine einzelne Gestalt des Lebens für immer binden kann, so auch an keinen festen sittlichen Maßstab. Die Ethik der Romantik ruht einzig auf der Wahrheit im Inneren: auf der im Leeren hängenden Gewißheit der einzelnen Menschenseele. Jede außerhalb ihrer liegende 413