Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheinung nur anzuschauen brauchten, damit das Wesenlose abfiel und das Wesenhafte sich offenbarte, machte sie im politischen Leben zu den phantastischen Reaktionären, die nirgends einer Wirklichkeit gewachsen waren. Dieselben Menschen, die mit Leidenschaft auf eine Umgestaltung der Welt im Ganzen und von einem geschauten Ganzen aus drängten, waren blind für das Einzelne, Gegenwärtige, das ihnen im Ernst keine selbständige aufrufende Bedeutung haben konnte. Denselben Menschen, die die schönsten, vollkommensten Träume von irdischer Gemeinschaft, von Staat und Kirche geträumt und ausgebaut haben, die goldene Zeitalter und eine chiliastische Erfüllung himmlisch-irdischer Durchdringung heraufführen wollten, mußte darum die unmittelbare tätig männliche Umgestaltung der Welt völlig mißlingen. Ihre wahren Sünden und grotesken Unzulänglichkeiten sind immer da entstanden, wo sie sich dennoch, sich selbst und ihre Sendung mißverstehend, in das Leben des Tages einmischten. Die politische Haltung der Romantiker ist immer peinlich und qualvoll, auch wo sie nicht durch persönliche Verhältnisse unrein wird: eine spezifische Steigerung noch jenes unglückseligen Verhältnisses, in dem die deutsche Metaphysik von je zur deutschen Wirklichkeit stand. Die Romantik als ganze aber kann aus diesen Mißverständnissen niemals begriffen werden. Sie hat uns etwas anderes hinterlassen als Taten, und die unruhigen Zeiten der Tat leben, sowenig sie sie zu würdigen verstehen, von den ruhigen Spannendes Schauens. Als Ganzes freilich und von ihrem eigensten Wollen aus betrachtet war die Romantik Versuch und mußte Versuch bleiben. Die Romantiker haben nichts verwirklicht; sie haben erkannt und geschaut. Sie waren alle schweifende Geister; sie konnten sich nicht beschränken, weil ihre Schau sie unaufhaltsam weitertrug ins Unendliche. Aber überall drangen sie auf Letztes, Erschöpfendes. Ungeheuer ist die geistige Bemühung dieser Menschen um Wirklichkeit und Unmittelbarkeit, um Ganzheit und Wahrheit des gelebten Lebens um die Wiederversöhnung von Gott, Geist und Leben. Es ist wie ein Greifen sehnsüchtiger Arme ins Leere :Tantalus' goldene Früchte glänzen über dem Haupt dieser zu höchsten Träumen beflügelten und verurteilten Geister. Aber nichts von dem, was sie erblickten, ist in ihrer Gestaltung verloren. Wie in einem tiefen klaren See spiegeln sich die über ihr hängenden unerreichbaren Früchte zum Symbol entwirklicht und zum Symbol verklärt in der romantischen Dichtung. 412