Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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tiker in ihrem Leben gestaltet haben. Hiermit - und nur hiermit - ist es der Romantik im Tiefsten Ernst gewesen. Ihr Ernst liegt also an völlig anderer Stelle als der des Bürgers im weitesten Sinne: des den Ernst gerade im Realen und Einzelnen erkennenden Tatmenschen. Verantwortung kennen die Romantiker nur gegenüber dem Ganzen. Der Wert des einzelnen Lebens lag für sie ausschließlich in seinem Verhältnis zum Ganzen und in dessen unabgelenkter Verwirklichung. Nur wo sie diese fanden, liebten sie, verehrten sie, beteten sie an. Sie erkannten keine einzelnen Tugenden und Handlungen an, sondern nur das Wesen, sei es einer Zeit, eines Werkes oder eines Menschen. Die Weise, wie alle diese untereinander so ungleichen Menschen ihr Leben auffaßten und formten, wie sie durch alle Einzelheiten ihres Lebens, durch Pläne, Beziehungen und Schicksale, Erkenntnisse und Bekenntnisse hindurchgingen, ohne sich je gebunden zu erachten - und ohne doch letztlich sich selbst: ihre unmittelbare Beziehung zum Ganzen in diesem oft erschreckenden Wechsel zu verlieren, ja, in der Gewißheit, erst in ihm sich selbst wahrhaft zu finden - dies, was in so äußerstem Gegensatz zu allen Festigkeiten des bürgerlichen Lebens steht und was darum so schwer verstanden und so schwer verleumdet worden ist - auch dies w ar in der Romantik der Versuch, allein aus der Unendlichkeit, aus der unmittelbaren Beziehung zum Ganzen zu leben. Gewiß war es nichts Geringes, was mit diesem neuen Lebensideal für immer verloren ging. Der große Begriff* der in sich selbst begründeten Humanität beginnt in der Romantik sich aufzulösen. Zwei Begriffe - eben die, die in der großen klassischen Humanitätsepoche ihre vollkommenste Erfüllung gefunden hatten: Maß und Charakter, waren der Welt der Romantik versagt. Es ist dieser Lebenserfassung durchaus eigen, nach allen Seiten über das Menschliche hinauszuschweifen, das menschliche Leben aus außermenschlichen Bezirken fortwährend mit Auflösung zu bedrohen und sie in bunten schwebenden Erscheinungen überall hineinspielen zu lassen. Traum, Spuk, Zauber und Phantastik umlagern überall ihr Gebiet; Sterne fallen ihr mitten in das Alltagsleben hinab, wie dem kleinen Mädchen im Märchen in den Suppenteller. Die Wirklichkeiten vermischen sich; bunt verwickelte Schicksale, Scherz und Witz heben Ernst und Wirklichkeit alles Einzelnen wie in einem einzigen lachenden Sommernachtstraum schwebend auf. 410