Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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stenzielle Ich, nur radikaler noch das Leben gegen seinen zeitlichen Ablauf um. Vom Tode, vom Ende aus leben, heißt aus der eigentlichen Wahrheit des Daseins leben, die durch seinen vorwärtsgerichteten Ablauf verschleiert wird. Und so trifft Novalis hier mit unmittelbarer Wucht in den Mittelpunkt der lebendigen Existenz. Aber auch hier löst sich die scheinbar ins Herz getroffene reale Paradoxie in Geist und Schauen auf. Indem Novalis im Tod an die letzte Tiefe des Lebensmysteriums rührt, aus dem er selbst im Ringen seine Existenz zu gestalten strebte, zerrinnt es ihm auch schon wieder in kontemplative mystische Symbolik, löst es sich zu erschauter traumhafter Schönheit auf. Die harte, fordernde Wirklichkeit des Todes, die furchtbare Wirklichkeit der christlichen Sterbestunde wird zum weithingebreiteten Todesreich. Und wie an der Erfassung des Todes als der Grenze des Lebens überall am klarsten sich die Gestalt einer Welt abzeichnet, am deutlichsten ihre Wirklichkeit abzulesen ist, so auch an der Todeserfassung der Romantik. Nirgends können wir so deutlich die spezifische Wirklichkeitssphäre des Romantischen sehen wie in der Todesvorstellung des Novalis. Es ist nicht die religiöse, es ist aber auch nicht die begrifflich philosophische Sphäre. Es kann auch nicht die des Mythos sein; denn diese ist eine objektive. Aber alle diese Sphären mischen sich in der eigentümlichen Realität der romantischen Todesvorstellung. Man könnte sie die Sphäre des subjektiven Mythos, d. h. des durch den Geist sujektivierten Mythos, nennen. Dies aber ist die Sphäre der Lyrik. Lyrik ist in der Tat das eigentliche, jede ihre Äußerungen durchdringende Lebenselement der Romantik. In Lyrik: überschwäüglichen Gesang des Geistes aus der Unmittelbarkeit des Inneren hat sich ihr die Erinnerung an die Göttlichkeit des Lebens und die Einmaligkeit der Existenz gelöst. Die ganze schwere ringende Lebensproblematik der Romantik ist, unablässig durch ihr Saitenspiel rauschend, in ihm zu Klang und Schönheit geworden. Wie dem morgenländischen König alles, was er berührte, zu Gold wurde, so wird ihr, was sie berührt - es sei das Finsterste oder das Göttlichste - zu Lyrik. Und sie selbst ruht in der Schönheit ihrer Bilder und Klänge wie in einer Erfüllung aus und vergißt, daß sie nicht mehr wirklich glaubt, nicht mehr wirklich liebt, nicht mehr wirklich hofft. Im vollen Strom des beseelenden singenden Inneren findet sie alles wieder. Nichts lag der Romantik ferner, als das düstere Wissen um das Üb er wältigt wer den des Menschen- 406