Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823780--0900-2824851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Romantik zugleich ihr geschichtliches Verhängnis aus. Denn durch eben diese restlose Verinnerlichung des Mysteriums wurde es wieder in dieselbe, ja, in eine noch tiefere Irrealität zurückgenommen, als die war, der die Romantik durch seine lebendige Wirklichkeitskraft zu entrinnen strebte. An ihren Ort in der Entwicklung des Geistes gebannt, mußte die Romantik mit Notwendigkeit der Entwirklichung ihres Wollens durch den Geist verfallen. Das von der Romantik selbst nicht voll durchschaute Verhängnis einer späten losgelösten Welt des Geistes, das Hegel mit dem Wort ausgesprochen hat, daß erst mit derDämmerungderVogelder Minerva seinen Flug beginnt, hegt wie ein schwerer Schleier über dem tiefen Aufleuchten ihrer Erinnerung und nimmt ihrem ekstatischen Lebenstraum die Wirklichkeit. Irrenden Gralsrittern gleich, ungerichtet vom realen Raum und der realen Zeit das Heiligtum umkreisend, mußten sie es notwendig verfehlen, waren sie in ihrem Grundwollen zum Scheitern verurteilt. Und dennoch: in all ihrem Scheitern in der Wirklichkeit, in allem notwendigen Umschlagen ihres Lebens in Geist, ihrer Revolution in Reaktion, ihres Gemeinschaftstraumes in schärfste Zuspitzung des Individuellen, weht es wie Morgenluft durch diese späte geistige Welt. Denn der Entwirklichung des romantischen Lebens durch den Geist entspricht auf der anderen Seite eine tiefe Verlebendigung alles Geistigen. Nichts Lebendiges darf in ihr vom Geist undurchdrungen, aber auch nichts Geistiges darf in ihr leer und unlebendig bleiben. Es ist in ihr eine wechselseitige Durchdringung: eine Belebung der Wahrheit und eine Wahrwerdung des Lebens ohnegleichen. Ein neuer lebendiger Wahrheitswille, der sich zum erstenmal auf das gelebte Leben selbst richtet, steigt in ihr bereits stark und entscheidend herauf. Dadurch, daß das Innere alle Kräfte des Wunders, der Göttlichkeit des Lebens in sich gezogen hat, daß es nur aus ihm der Welt zurückgeschenkt, nur aus ihm die Zerstörung der Welt geheilt werden kann, brennt in der Romantik - und in ihr zum erstenmal - das Ringen, über den leeren Subjektbegriff des Idealismus hinauszugelangen. Ihr zum erstenmal dämmerte die Paradoxie des realen Ich in seinem lebendigen Zusammentreffen von Außen und Innen in einer von Gott gelösten, zerstörten, unwirklichen Welt - und damit berührte sie zuerst das tiefe und unheimliche Problem der Existenz. Aber sie rührt es nur erst von fern an - es dämmerte ihr in dem Lichtstrom flutenden geistigen Lebens, zu dem ihr dennoch wieder die Welt verrann, 400