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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
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MARGARETE SUSMAN DER ROMANTISCHE VERSUCH Die romantische Bewegung im engeren Sinne nimmt in der deutschen Geistes geschieht e eine eigentümlich paradoxe Stellung ein. Der Tiefsinn und der Leichtsinn, der Uberschwang und die Kühle, die Dunkelheit und die Klarheit, das geheimnisvoll Traumhafte und die überscharfe Bewußtheit der Romantik sind aus dieser geschichtlichen Paradoxie allein zu verstehen. Wenn die deutsehe Metaphysik und Dichtung vonCusanus bis Nietzsche ein einziger gigantischer Versuch gewesen ist, auf dem Boden einer kollektiv irreligiösen Wirklichkeit, inmitten des Zerfalls der positiven Religion das Religiöse im Geist und in der einzelnen Seele festzuhalten, das in Himmel und Erde entwurzelte göttliche Leben in ewigen Ideen, in Gesetzen des Geistes zu verankern und so in einem Kosmos grandioser Symbole das zu bewahren, was in der Wirklichkeit des Gemeinschaftslebens verloren war - so geht durch die deutsche Romantik, die sich mit leidenschaftlichem Rhythmus in diese Bewegung einordnet und sie auf ihren Gipfel führt, zugleich die erste tiefe Erschütterung über das Verlorene. Bis zu ihr hin zeigte das geistige Leben in all seiner Vielfalt eine einzige Richtung: die vorwärts in immer weitere Erschließungen. Die Romantiker als erste fühlten, daß die europäische Gesamteutwicklung den Sinn der Welt entstellt hatte. Sie traten in dem Augenblick in die Geschichte ein, in dem die Entseelung und Entgöttlichung des Lebens " ö ö o durch ein Bewußtsein, das sich von der Totalität der Lebenskräfte losgerissen und, seine Mittlerstellung zwischen Gott und Welt vergessend, für sich allein die Herrschaft über das Leben angetreten hatte, vollendet war. Gott war aus seiner Verbundenheit mit dem Menschen gelöst, der Mensch ins Leere gestellt und die Welt aus einer Welt beseelter wirklicher Dinge in ein sinnloses Chaos isolierter Atome zerschlagen, dem nun ein freier, gelöster, ins Unermeßliche gesteigerter Geist wiederum seine Gesetze vorschrieb. So hatte dieser Geist überall die Welt zu sich verwandelt, die Wirklichkeit geprägt und umgedeutet. Vergeblich pochte die Romantik an die Tore des Lebens selbst. Wohin sie in ihrer aus dem Übermaß ihrer Geistigo keit selbst gewaltsam aufbrechenden Sehnsucht nach Unmittelbarkeit griff, fand sie die Welt als eine bereits gedeutete, auf gigantische geistige 397

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