Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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für frei und sehend halten. Wozu war das notwendig? Wußte das Spinoza, wissen wir es, die wir Jesaias und Spinoza lesen? Es läßt sich hierauf nicht nur nicht antworten - es läßt sich auch eine solche Frage nicht stellen... Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Spinoza, den von Descartes gewiesenen Weg gehend, den „Dualismus" des Raumes und des Denkens überwindend und die Hegel und heute unsere Zeitgenossen so sehr begeisternde Idee der einen „Substanz" schaffend, fühlte, daß er Jenen tötete, den er über alles in der Welt liebte. Und daß er Ihn tötete auf Seinen, göttlichen, freien Befehl hin und aus seinem eigenen unfreien menschliehen Wollen. Lesen Sie die Zeilen, mit denen der leider so wenig gelesene „tractatus de emendatione intellectus" beginnt. Das ist nicht Descartes9 frohlockendes de omnibus dubitandum, nicht der ethische Idealismus Fichtes, nicht der würdevolle Panlogismus Hegels, nicht Husserls Glaube an Vernunft und Wissenschaft. Ich wiederhole, daß in allem, was Spinoza schrieb, auch nicht eine Spur von Feierlichkeit und Frohlocken enthalten ist. Nicht wie ein Priester, sondern wie ein Verurteilter geht er zum Opferaltar. Er wird Gott töten, er hat Gott für die Geschichte getötet, im tiefsten Innern seiner Seele aber fühlt er „verschwommen" - sentimus experimurque nos aeternos esse -, daß es ohne Gott kein Leben gibt, daß das wahre Leben nicht in der Perspektive der Geschichte - sub specie temporis - sondern in der Perspektive der Ewigkeit - sub specie aeternitatis - liegt. Und dieses „verschwommene", verborgene, kaum sichtbare und sogar ihm selbst und den anderen nicht immer sichtbare „Wissen" macht sich in seiner ganzen Philosophie bemerkbar. Nicht in jenen klaren und deutlichen Urteilen, welche die Geschichte von ihm empfangen hat und die er selbst vom Geist der Zeit erhielt, sondern in jenen sonderbaren, geheimnisvollen, unerhaschbaren und nicht genau festzustellenden Lauten, die man in unserer Sprache nicht einmal als Stimme des Rufenden in der Wüste bezeichnen kann und deren Name Lautlosigkeit ist. Ein großes, ewiges Geheimnis liegt in den furchtbaren Worten des Propheten: Et audivi vocem Domini dicentis: quem mittam? Et quis ibit nobis? Et dixi: ecce ego, mitte me. Et dixit: Vade et dices populo huic: Audite audientes et nolite intelligere, et videte visionem et nolite cognoscere. Excaeca cor populi hujus et aures ejus aggrava; et oculos ejus claude, ne forte videat oculis suis et corde suo intelligat. 396