Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823780--0893-2824844- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vernunft und Wille mit der Vernunft und dem Willen des Menschen ebensowenig gemein habe, als das Sternbild des Hundes mit dem Hund, dem bellenden Säugetier, d. h. Gott könne keinerlei Vernunft und keinerlei Willen besitzen. Dies müsse der Mensch vor allem begreifen. Und nachdem er einen solchen Gott erfaßt — hier beginnt wieder der „Widerspruch", von dem ich sprach -, müsse er Ihn liebgewinnen, gemä(3 dem biblischen Gebot, von ganzem Herzen und von ganzer Seele . . . Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebgewinnen! Warum wendet man sich mit einer solchen Forderung nicht an einen Stein, einen Baum, eine Fläche oder Linie - sondern an den Menschen, welcher, wie wir soeben erst hörten, nichts anderes ist als der Stein, der Baum oder eine Fläche? Ebenso könnte man auch eine zweite Frage vorlegen: warum soll man O C" Gott lieben? Die Bibel forderte Liebe zu Gott, das war natürlich: der biblische Gott besaß Vernunft, besaß Willen. Wie aber soll man einen Gott liebgewinnen, der nur die Ursache ist, mit der gleichen Notwendigkeit wie jedes unbeseelte Ding das zu tun, was er tut? Spinoza nennt zwar Gott frei, da er nach den Gesetzen seiner Natur wirkt. Aber es wirkt ja doch alles nach den Gesetzen der Natur. Spinoza selbst schließt die Einleitung zum dritten Teil seiner „Ethik"* folgendermaßen: „Ich werde sprechen von der Natur und der Kraft der Leidenschaften und von der Macht der Seele über die Leidenschaften, wobei ich die gleichen Methoden verwenden werde, die ich in den vorhergehenden Teilen meines Werkes anwandte, als ich von Gott und der Seele sprach, und werde die menschlichen Handlungen und Triebe so betrachten, als handelte es sich um Linien, Flächen oder Körper.64 Ich frage nochmals: Wenn wir über Gott, über die Seele, über die menschlichen Leidenschaften ebenso urteilen, wie über Linien, Flächen und Körper, wer wird uns dann das Recht verleihen, vom Menschen zu verlangen oder ihm auch nur zu raten, Gott und nicht eine Fläche, einen Stein oder einen Holzklotz zu lieben? Und warum wendet man sich mit der Forderung zu lieben an den Menschen und nicht an eine Linie oder einen Affen? Nichts von dem, was es in der Welt gibt, darf auf eine Ausnahmestellung Anspruch erheben: sind doch alle „Dinge" im ganzen Weltall mit der gleichen Notwendigkeit aus den ewigen Gesetzen der Natur hervorgegangen. Warum sondert dann Spinoza selbst, der so unwillig war, wenn die Menschen sich der N atur gegenüberstellten, den Menschen, als wollte er einen Staat im Staate 395