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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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bilden, als etwas toto coelo sowohl von einer Fläche als auch von einer Linie, sowohl von einem Holzklotz als auch von einem Affen Unterschiedenes aus, stellt an ihn Forderungen, beginnt zu werten, spricht von Idealen usw.? Warum führte er einen „Staat im Staate" ein, warum unterwarf er sich nicht in seinem Hauptwerk - nicht umsonst nannte er es „Ethik64 - ohne zu murren der Mathematik und spricht trotz so feierlich abgelegten Gelübdes vom Menschen so, wie nie ein Mathematiker von Dreiecken und Senkrechten gesprochen hat? Und das soll jener Spinoza sein, dem Gott unter die Menschen zu gehen und sie zu blenden befahl? Wie denn - hat er den Willen Gottes nicht erfüllt? Hat er sich dem widersetzt, wrogegen niemand Widerstand leisten konnte? . . . Nein, gewiß nicht. Gottes Wille war erfüllt worden. Wenn Spinoza auf den Ruf: „Wen soll ich aussenden?66 einmal geantwortet hatte: „Hier bin ich, sende mich66, konnte er bereits nicht mehr seiner „historischen66 Mission entgehen, wie ihr Descartes und andere große Söhne der Früh- und Spät-Renaissance nicht entgehen konnten. Spinoza hatte Gott getötet, d. h. er hatte die Menschen gelehrt, zu denken, daß Gott nicht ist, daß es nur eine Substanz gibt, daß die mathematische Methode (d. h. die Methode der gleichgültigen, objektiven oder wissenschaftlichen Forschung) der einzige wahre Weg des Forschens ist, daß der Mensch nicht einen Staat im Staate bildet, daß die Bibel, die Propheten und Apostel nicht die Wahrheit entdeckten, sondern den Menschen nur sittliche Belehrungen brachten, und daß die sittlichen Belehrungen und Gesetze Gott vollständig ersetzen können, ungeachtet dessen, daß der Mensch, wenn er frei geboren wäre und wenn er nicht die Frucht vom verbotenen Baume gepflückt hätte, Gut und Böse nicht unterscheiden könnte und es überhaupt kein Gut und Böse gäbe, sondern alles „sehr gut66 wäre, d. h. alles so wäre, wie es Gott sich vorstellte, als er, nachdem er die Welt - nicht nach den Gesetzen seiner eigenen Natur, sondern nach seinem eigenen Willen - geschaffen hatte, sie betrachtete und sich freute. Aber dieser göttliche „Bück66, den der erste Mensch vor dem Sündenfall hatte, ist den Menschen bereits nicht mehr beschieden. „Blende ihr Herz, damit sie blicken, aber nicht sehen.66 Oder daß sie klar und deutlich, clare et distincte, sehen-jedoch nicht das, was ist, und zugleich überzeugt seien, daß das, was sie klar und deutlich sehen, dasjenige sei, was Gott am siebenten Tag, am Tag der Ruhe erblickte, als er von seiner Arbeit ausruhend seine Welt bewunderte. 394

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