Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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lose, sowohl Tugendhafte als auch Lasterhafte treffen. Das ist so, das war so, das wird so sein. Folglich muß es auch so sein, denn das geht aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur hervor, und es besteht weder eine Notwendigkeit noch eine Möglichkeit, die bestehende Ordnung der Dinge zu verändern. (Hegel sagte dann: Was wirklich ist, ist vernünftig.) Muß denn Tugend belohnt werden? Tugend ist der Lohn ihrer selbst. Das Laster trachtet nach Belohnung - und erhält sie, denn wenn die Tugend keine Belohnung braucht, es aber in der Welt doch eine Belohnung gibt, so fällt die Belohnung notgedrungen dem Laster zu, das ihrer bedarf und sie gern annimmt. Spinoza machte nicht hierbei halt. Er sagt: si homines liberi nascereutur, nullum boni et mali formarent conceptum quam diu liberi essent. Und zur Erläuterung dieser seiner Wahrheit beruft er sich auf die biblische Legende vom Sündenfall. Die Fähigkeit, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, fehlte dem ersten Menschen, d. h. das Laster unterscheidet sich von der Tugend „seiner Natur nach" durch nichts. Und dies hinderte Spinoza nicht daran, seinen ganzen „theologisch-politischen Traktat", der von so ungeheurer historischer Bedeutung war (es wurde durch diesen Traktat unter anderem die neueste protestantische - und nicht nur die protestantische - Theologie bestimmt), dem Beweis des Gedankens zu widmen, daß die Bibel durchaus nicht danach trachte, den Menschen Wahrheit zu lehren, sondern daß ihre Aufgabe nur eine sittlische sei: den Menschen zu lehren, tugendhaft zu leben . . . Wie aber konnte in diesem Fall die Legende vom Sündenfall in die Bibel hineinkommen? Und warum beginnt die Bibel damit, daß sie den Menschen eine für ihren Verstand ganz unfaßbare Wahrheit offenbart: ihre Begriffe von Gut und Böse seien im Grunde genommen gänzlich illusorisch; das „Gesetz46 sei, mit den Worten des Apostels Paulus gesprochen, erst später „neben eingekommen", d. h. erst als die Geschichte begann, und zwar, „auf daß die Sünde mächtiger würde"; der erste Mensch habe Gut und Böse nicht zu unterscheiden gewußt, er habe das Gesetz nicht gekannt, als er aber die Frucht vom Baum der Erkenntnis pflückte, d. h. Gut und Böse zu unterscheiden begann, das „Gesetz44 annahm, da habe er zusammen mit dem Gesetz auch den Tod auf sich genommen. Das ist ein ganz offenkundiger und durchaus nicht zufälliger Widerspruch, wie ja alle Widersprüche, von denen die Werke Spinozas 391