Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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und begrüßte. Oder, wenn man biblische Metaphern nicht fürchtet: Spinoza sprach nicht das, was er wollte, sondern was Gott ihm zu sagen befahl. Es ist bereits einerlei, ob er mit dem, was er den Menschen verkündete, einverstanden oder nicht einverstanden war: er konnte nicht anders als verkünden. Gehe hin und sage deinem Volke oder sogar nicht nur deinem Volke, sondern allen Völkern - Spinoza war wie Philon ein Völkerapostel, d. h. er wandte sich an die ganze Menschheit - und sprich so, daß sie bücken und nicht sehen, daß sie zuhören und nicht verstehen, daß ihre Herzen hart werden und ihre Augen blind. So hat Spinoza es auch tun müssen. Wenn ihr in den Besitz der Wahrheit gelangen wollt, lehrte er, so vergesset alles und vor allem vergesset die biblische Offenbarung, seid nur der Mathematik eingedenk. Schönheit, Häßlichkeit, Gut, Böse, Freude und Leid, Angst und Hoffnung, Ordnung und Unordnung - das alles sind menschliche Dinge, das alles ist vergänglich und hat keinerlei Beziehung zur Wahrheit. Ihr meint, daß Gott sich um die Nöte der Menschen kümmere? Daß Er die Welt für den Menschen geschaffen habe? Daß Gott große Ziele verfolge? Aber dort, wo Ziele, wo Sorge, wo Freude und Leid sind - dort gibt es keinen Gott. Um Gott zu begreifen, muß man bemüht sein, sich von Sorgen und von Freuden und von Befürchtungen und von Hoffnungen und von allen großen und kleinen Zwecken frei zu machen. Der wahre Name Gottes ist Notwendigkeit. Res nullo alio modo a Deo produci potuerunt, quam productae sunt. Wie alle Theoreme der Mathematik, alle ihre Wahrheiten mit einer Notwendigkeit, die keinerlei Gesetze über sich anerkennt, aus ihren Grundbegriffen hervorgehen, so geschieht auch alles in der Welt mit der gleichen unumgänglichen Notwendigkeit, und es gibt keine Kraft, die den Kampf mit der seit ewigen Zeiten bestehenden Seinsordnung aufnehmen könnte. Deus ex solis suae naturae legibus et a nemine coactus agit, sagt Spinoza und erläutert sogleich, was diese Worte bedeuten: ex sola divinae naturae necessitate, vel (quod idem est) ex solis ejusdem naturae legibus. Das ist die höchste Wahrheit, die wir erfassen können und nach deren Erfassung wir das höchste der bestehenden Güter zu erreichen suchen, nämlich geistige Befriedigung und Ruhe, acquiescentia animi. Glaubet nicht, daß ihr durch eure Tugenden die Gunst Gottes erwerben könntet. Die alitägliche Erfahrung lehrt uns, daß Erfolge und Mißerfolge in gleicher Weise sowohl Fromme als auch Gott- 390