Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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sam ein, daß er sich nicht frei fühle (s. insbesondere den Brief LXII, wo er unter anderem schreibt: ego sane, ne meae conscientiae, hoc est, ne rationi et experientiae contradicam, nego, me ulla absoluta cogitandi potentia cogitare posse, quod vellem et quod non vellem scribere), daß das Gefühl der Freiheit eine Illusion sei, daß der Stein, wenn er Bewußtsein hätte, überzeugt wäre, daß er frei zu Boden falle, obwohl es für uns ganz evident ist, daß er nicht anders als fallen kann. Und alle diese Behauptungen Spinozas sind nicht Theorie, nicht „Naturalismus" und nicht „Schlußfolgerungen" aus allgemeinen Thesen, sie sind ein Zeugnis der Erfahrung, eine Stimme tiefster und ernsthaftester innerer Erlebnisse. Von ebensolchen Erlebnissen gaben uns mit der gleichen Kraft und Beharrlichkeit auch andere Menschen Zeugnis, die wir keinesfalls zu den „Naturalisten" zählen können und an deren Aufrichtigkeit zu zweifeln wir kein Recht haben. Man erinnere sich z. B. an Luthers ,,de servo arbitrio", das er in Antwort auf die „diatribae de libero arbitrio" des Erasmus von Rotterdam schrieb. Auch ist es erstaunlich, daß Spinoza in den verschiedenen Perioden seines Lebens verschieden „empfand". Als er seine „eogitata metaphysica" schrieb, behauptete er mit Entschiedenheit, der \\ ille sei frei - dari voluntatem. In der „Ethik" und in den Briefen behauptet er mit der gleichen Entschiedenheit das Gegenteil. Wenn man das Gesetz vom Widerspruch berücksichtigen will, so muß man sagen, daß er entweder im ersten oder im letzten Falle die Unwahrheit sagt. Will man aber dieses „Gesetz" nicht berücksichtigen und, wie Bergson richtig lehrt, annehmen, daß unser Ich in seinen unmittelbaren Konstatierun^en unfehlbar ist, o so werden wir zu einem ganz unerw arteten Resultat gelangen oder, genauer, vor einem großen Rätsel stehen: nicht nur der Wille der einen Menschen ist frei und der der anderen unfrei, sondern sogar der ille ein und desselben Menschen pflegt in den einen Perioden seines Lebens frei und in den anderen unfrei zu sein. Als Spinoza die „cogitata metaphysica" schrieb, war sein Wille noch frei. Als er die „Ethik" schrieb, war sein Wille bereits versklavt: irgendeine Macht hatte sich seiner bemächtigt, der er sich mit dem gleichen Gehorsam unterordnete, mit dem sich der Stein den Fall- oder Anziehungsgesetzen unterwirft. Nicht er sprach bereits, sondern irgend etwas sprach in ihm, aus ihm heraus, offenbar gerade jener Zeitgeist, in welchem Hegel die treibende Kraft der Geschichte sah 389