Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitgeist entwickelt. Der Geist der Propheten und Apostel weht wo er will. Ihre Wahrheiten sind, mit Spinoza gesprochen, nicht Wahrheiten der Geschichte, sondern Wahrheiten sub specie aeternitatis. 4. Einer der hervorragendsten modernen Philosophen, Henri Bergson, schreibt in seinem ersten Buch: „Le moi, infaillible dans ses constatations immediates, se sent libre et le declare." Die Kapitel dieses prächtigen Buches, die der Erforschung der Willensfreiheit gewidmet sind, gehören zu dem Besten, was in den letzten Jahrzehnten in der philosophischen Weltliteratur erschienen ist. Uberhaupt ist der Scharfblick Bergsons erstaunlich. Um so sonderbarer erscheint es, wieso er den zitierten Satz schreiben konnte. Das unmittelbare Konstatieren setzt ja doch nicht ..unser" Ich, sondern mein Ich voraus. Unser Ich, d. h. das Ich überhaupt, le moi, ist nicht selbst etwas unmittelbar Gegebenes, und kann um so weniger irgend etwas unmittelbar konstatieren. Wenn Bergson nicht über die Grenzen des unmittelbaren Konstatierens hinausgehen wollte, so konnte er nur sagen: mein Ich fühlt sich frei und gibt dies bekannt. Daß aber jegliches Ich sich frei fühlt - das zu behaupten hatte er kein Recht: das ist ein Fehler, der in der Logik als (lerdßaöig elg allo yirog bezeichnet wird. Es ist ja doch nichts Unwahrscheinliches daran, daß das eine Ich sich frei fühlt, das andere aber unfrei. Und wenn das unmittelbare Konstatieren unfehlbar ist, so bleibt uns in jenen Fällen, wo wir auf zwei entgegengesetzte Behauptungen stoßen, nichts weiter übrig, als sowohl die eine als auch die andere anzunehmen, trotzdem sie einander anscheinend ausschließen. Das Ich Bergsons fühlt sich frei - das bedarf keiner Entgegnung. Aber das Ich eines anderen Menschen fühlt sich nicht frei - auch ihm darf man nichts entgegnen. Das Problem der Willensfreiheit wird hierbei bis ins Unendliche kompliziert. Wenn man jedoch die unmittelbaren Feststellungen als unfehlbar anerkennt, so wird die Philosophie überhaupt schon durch ihren Gegenstand sich in einer außerordentlich schwierigen Lage befinden: sie wird - ob sie sich wohl jemals hierzu bereit erklären wird? - auf allgemeine Urteile verzichten müssen. Wie kann man dessen sicher sein, daß alle Ichs immer gleich empfinden und gleich konstatieren werden? Bergson fühlt sich, wie wir hörten, frei. Bei Spinoza aber finden wir ein ganz anderes Zeugnis. Er Miederholt hartnäckig und überzeugt viele Male, hämmert es uns gleich- 388