Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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betrübt sein dürfe, lehrt seinen Nächsten, ohne sogar zu merken, daß man ihn bei einem Widerspruch ertappen könne - es ist ihm bereits nicht mehr um Widersprüche zu tun!-, daß sie sich vergnügen und lachen und sich all jener Freuden erfreuen dürfen, an denen das Alltagsleben so reich ist. Für sie, für diese Menschen, die nicht einmal ahnen, was unter dem klaren und deutlichen Augenschein verborgen ist und was für furchtbare Dinge in der Welt geschehen, für sie muß auch das Leben ruhig und leicht sein. Sie sollen nicht einmal, so sagt er, ihr Dasein durch Ängste un l Hoffnungen vergiften. Affectus metus et spei non possunt per se esse boni. Lebet, ohne an irgend etwas zu denken, andere denken für euch. Der Weg, den er selbst gewählt hat, ist ein beschwerlicher, steiler, qualvoller Weg und nur für wenige, vielleicht nur für einen einzigen geeignet: omnia praeclara tarn difficilia quam rara sunt. Alles, was „schön" ist, ist so schwer und darum selten für jemanden erreichbar. Von diesem „Schweren" erzählt er sehr wenig, ja fast nichts. ]Nur von Zeit zu Zeit, gleichsam entgegen seinem Willen, flackern bei ihm Eingeständnisse auf, die, wenn man sie sammelte und dem gegenüberstellte, was man gemeinhin als seine „Lehre64 zu bezeichnen pflegt, uns den Sinn dessen klar machen würden, was wir nach Hegel als Zeitgeist bezeichnen, und damit zugleich auch das, was Hegel nicht wußte und was Spinoza selbst mit den \\ orten sub specie aeternitatis meinte. Wenn aus einem Menschen der Zeitgeist spricht, wenn er der Geschichte dient, - so kommt darin, trotz Hegel, nicht sein wahres Wesen, sondern das zum Ausdruck, was er an Äußerlichstem, Angenommenem, Oberflächlichem, an ihm innerlich gänzlich Fremdem, ja sogar Feindlichem an sich hat. Dem Zeitgeiste gehorsam, erzählt Spinoza Descartes' Gedanken und preist die Klarheit und Deutlichkeit. Im Grunde seiner Seele aber achtet Spinoza, wie auch Pascal, ehrfurchtsvoll das Geheimnis, verachtet und haßt alles, was klar und deutlich erkannt wird. Das offen auf der Hand Liegende ist für alle, für die Menge notwendig, von welcher er selbst sagt: terret vulgus nisi paveat. Die Menge muß im Zaume gehalten, durch Gesetze und Strafen für die gegen die klaren und deutlichen Forderungen der Gesetze L■ ngehorsamen eingeschüchtert werden. Spinoza selbst aber vergaß nicht die Worte des Apostels Paulus: „Das Gesetz aber ist neben eingekommen, auf daß die Sünde mächtiger würde." Die Propheten und Apostel nehmen weder auf die Zeit noch auf die Geschichte Rücksicht, in der sich nach Hegel der 387