Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823780--0886-2824837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
in seinen frühen Werken und in der „Ethik" er war von Gott seihst dazu verurteilt, Gott zu töten. Die Zeit war reif, der Mensch mußte Gott töten,-wer aber kann Gott so töten, wie jener, der Ihn über alles in der Welt heb gewonnen hat? Oder besser: Nur jener kann Gott töten, der Ihn über alle Schätze der Welt liebgewonnen hat. Nur einem solchen werden die Menschen glauben, daß er in der Wirklichkeit und nicht nur mit Worten dieses Verbrechen aller Verbrechen, diese Tat aller Taten vollbracht hat . . . Und wahrhaftig - es genügt die Augen Spinozas anzusehen, nicht jene selbstverständlich, die auf seinem Bildnis zu sehen sind, sondern jene sanften und unerbittlichen Augen, oculi mentis, die uns aus seinen Büchern und Briefen anblicken, es genügt, seine langsamen und schweren Schritte, diese Gangart des Marmorstandbilds des Komturs zu hören, und alle Zweifel werden einem verfliegen: dieser Mensch hat das größte der Verbrechen begangen und die ganze übermenschliche Last der Verantwortung für das Begangene auf sich genommen. Man vergleiche, wiederhole ich nochmals, Spinoza mit seinem großen Vorgänger und Lehrer Descartes: er hat auch nicht eine Spur jener stürmischen Freude und jenes sorglosen Frohlockens, von dem die dichtungsartigen Traktate dieses letzteren, seine principia, meditationes, discours erfüllt sind. Man vergleiche Spinoza mit seinem entfernten Nachfolger Hegel. Hegel lebt ja nur von dem, was er von Spinoza erhalten hat. Aber das Verbrechen wurde nicht von ihm, sondern von einem anderen begangen. Hegel ist der gesetzliche Eigentümer der „geistigen" Güter und macht von ihnen ruhig und sicher Gebrauch, ohne im geringsten zu ahnen oder sich auch nur Mühe zu geben, danach zu forschen, auf welche Weise die ihm als Erbe zugefallenen Reichtümer erworben wurden. Spinoza aber wiederholt immer wieder nur: non ridere, non lugere, neque detestari, sed intelligereman soll nicht lachen, nicht weinen, nicht verwünschen. Was können Tränen und Verwünschungen nützen? Es ist vollbracht, die furchtbare Tat ist geschehen, sie ist nicht mehr wieder gut zu machen. Und lachen, kann denn ein Mensch lachen, der Gott getötet hat? Man darf nicht lachen, es wird niemand mehr in dieser Welt jemals lachen. Oder vielleicht ist dem gar nicht so. Sind doch die anderen Menschen an dem Verbrechen Spinozas unschuldig und nicht dafür verantwortlich. Und Spinoza, der eben erst sagte, daß man weder lachen noch verwünschen noch 386