Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn Gott selbst ihm befohlen hätte, Ihn zu töten, so hätte er ein solches Verbrechen nicht gewagt. Man kann auf Gottes Verlangen einen Mord begehen, kann Gott seinen Vater, seine Mutter, seinen Erstgeborenen, ja sogar die ganze Welt zum Opfer darbringen, - aber der Mensch kann nicht bewußt seinen Gott töten, selbst wenn Er selbst es mit solcher Klarheit und Deutlichkeit forderte, die die Möglichkeit einer falschen Auffassung ausschließt . . . Doch ist es unmöglich, Gottes Willen nicht zu erfüllen. Descartes wurde mitschuldig an dem großen Verbrechen, das von der Neuzeit vollbracht wurde. Gott kann die Menschen nicht betrügen: war das nicht der erste Todesschlag, der Gott von einem der zahlreichen Verschwörer — wenn man so will: der unwillkürlichen Somnambulen - der Epoche der Renaissance versetzt wurde? Gott kann nicht betrügen, Gott kann auch noch vieles andere nicht. Uber Gott steht noch eine ganze Reihe, ein ganzes System von ,,kann nicht", welche die Menschen, um ihren Sinn und ihre Bedeutung vor sich zu verbergen, mit dem Ehrennamen veritates aeternae belegten. Als Descartes Gott tötete, meinte er, daß er nur der Wissenschaft diene. Und wir erinnern uns, daß er sich freute, frohlockte, sang. Die ganze Epoche der Renaissance, deren letzter Vertreter Descartes war, freute sich und frohlockte. Die Nacht des Mittelalters war vorüber! Der klare, helle, heitere Morgen war angebrochen . . . Die Stimme aber rief noch immer: Wen soll ich aussenden, wer wird für mich gehen? Wer wird den letzten Schlag versetzen? Wo ist jener Brutus, der seinen besten Freund und Wohltäter Cäsar töten wird? Und da antwortete, wie gesagt, Spinoza auf diesen Ruf. Spinoza entschloß sich, das zu tun, wozu sich vor ihm niemand entschließen konnte. Philon hat, wie wir wissen, die Bibel mit der hellenischen Weisheit ,,ausgesöhnt", d. h. er hat sich den Anschein gegeben, als könne man durch inspirationsvolle Auslegung Piatos, Aristoteles' und der Stoiker in der antiken Philosophie eine Rechtfertigung der Bibel finden. Die Renaissance - alles bis zu Descartes einschließlich - trat in Philons Fußstapfen. Aber von Spinoza wurde mehr verlangt. Und sonderbarerweise wurde von ihm vielleicht gerade deshalb das verlangt, wovon die anderen befreit waren, weil es für ihn schwerer, unmögücher war, dies zu tun, als für irgend jemanden anderen. Er, der seinen Herrgott von ganzem Herzen und ganzer Seele liebte - wie oft und mit welcher Kraft spricht er hiervon 385