Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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nunft und zwang sie, sich der Vernunft zu beugen. In der Bibel ist alles enthalten, was eure Weisen lehrten - so hat er das lux ex Oriente mit jenem lumen naturale „ausgesöhnt", das im Laufe so vieler Jahrhunderte der hellenischen Welt geleuchtet hatte. Dies bedeutete, daß das lux ex Oriente vor der unsterblichen Sonne der natürlichen Vernunft verblassen mußte. In das vierte Evangelium wurden die Worte eingesetzt: Iv aQx(j ry o /o/oc und die Kulturvölker erklärten sich bereit, die Bibel anzunehmen, denn in ihr war alles enthalten, wodurch sie zu siegen gewohnt waren. Anderthalb Jahrtausende war die Vernunft der europäischen Menschheit bemüht, das aus dem Orient gekommene Licht auszulöschen. Aber das Licht wollte nicht erlöschen. Und da vernahm man von neuem die rätselhafte Aufforderung: Wen soll ich ausschicken, wer wird für mich gehen? Dutzende, Hunderte von hervorragenden Menschen antworteten freudig und frohlockend auf diese Aufforderung. Die Historiker bezeichnen dies mit dem feierlichen Namen: Wiedergeburt der Wissenschaften und Künste. Doch hat niemand, offenbar nicht einmal der geniale Descartes begriffen, was erforderlich war. Alle machten nur halbe Arbeit. Alle söhnten noch die Bibel mit dem Logos aus. Die Menschen scheuten sich, wagten es nicht, die Hand gegen ihren Schöpfer zu erheben. Alle zogen es vor, die verhängnisvolle Frage nicht zu stellen. Möge man lieber, wie dies seit Philon üblich war, meinen, daß die Vernunft der Offenbarung nicht widerspreche. Oder, wie Descartes lehrte, Gott kann und will nicht die Menschen betrügen, und das, was uns das lumen naturale offenbart, kann nicht umhin mit dem in Ubereinstimmung zu stehen, was das lumen supranaturale offenbart. Descartes war ein tief aufrichtiger Mensch. Wenn er sich nicht gegen die Bibel empörte, so doch durchaus nicht deshalb, weil er sich, wie Bossuet schrieb und wie nach diesem die Historiker wiederholen, vor den Verfolgungen durch die Kirche gefürchtet hätte. Er hat sich wohl gefürchtet - und zwar wie! - jedoch nicht vor der Kirche, sondern vor dem, was man in der modernen Sprache als Gericht des Gewissens bezeichnet und was die ausdrucksvollere Sprache des Mittelalters das Weltgericht nannte. Vor die Menschen hintreten und verkünden, daß es keinen Gott gibt! Hingehen und mit eigenen Händen Gott töten, der so viele Jahrtausende lebte und von dem alle Menschen lebten! De omnibus dubitandum, lehrte Descartes. Und er konnte an vielem, an sehr vielem zweifeln, dies aber unterlag für ihn keinem Zweifel: 384