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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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die Menschen sind ruchlos, frevelhaft ins freie Sein eingebrochen, und der Fluch des Verbrechens kann von ihnen nicht genommen werden, solange sie ihr Verbrechen nicht eingestehen und ihre Vermessenheit ro/ua;) nicht durch ewige Ergebenheit gegen das überpersönliche, besser: das unpersönliche Prinzip sühnen. Was aber war am Anfang? Plotin, der letzte große Philosoph des Altertums, der alles, was das hellenische Denken vor ihm geschaffen hatte, in sich verarbeitet, sagte: r'^/} oiv o h'r;oxcu jidvra Zoyog - im Anfang war die Vernunft und alles ist Vernunft. Und dementsprechend ist der Anfang des Bösen das vermessene Widerstreben des Menschen, sich vor dem vorweltlichen Logos, vor dem vorweltlichen Gesetz zu beugen. Plotin hat auch noch andere Motive. Plotin trug, wie auch Plato, wie auch Spinoza, eine äußerst rätselhafte complexio oppositorum in sieh, er vereinte in sich Strebungen, die einander vollständig ausschlössen. Der gleiche Plotin lehrte, man müsse öocutiv L^rlo tJx ^tur/u^r (sich über das Wissen, d. h. über den Logos, der im Anfang war, erheben), und pries in unvergleichlichen Psalmen das ekstatische „ Aus-sieh-Hinausgehen", die Befreiung von ebendemselben unpersönlichen und seelenlosen Logos-Gesetz. Aber Plotin, der Psalmensänger, hatte keine „historische" Bedeutung. Von ihm ließen sich einzelne - wenn auch hervorragende - Menschen inspirieren: Dionysius Areopagita, der heil. Augustin, die mittelalterlichen Mystiker. Der Philosophie dagegen blieb diese seine Seite vollständig fremd: die Philosophie braucht nicht inspirationsvolle Psalmen, sondern adäquate, d. h. klare und deutliche Ideen. Die Philosophie will ja doch auch eine historische Macht sein, will einen Einfluß ausüben, will siegen, die Geister beherrschen, die Menschheit lenken. Wir aber sind des offenherzigen Eingeständnisses Senecas eingedenk: Wenn du dir alles unterwerfen willst, so unterwirf dich selbst der Vernunft, d. h. dem Logos. Auch die Bibel, d. h. die biblische Philosophie, die bis dahin von einem kleinen Volk eifersüchtig bewacht wurde und abseits stand von dem großen historischen Schauplatz, sah sich in jenem Augenblick, als es ihr beschieden war, den Schauplatz der Welt zu betreten und die Menschheit sich unterzuordnen, vor die ^Notwendigkeit gestellt, sich dem Logos unterzuordnen. Anders war der Sieg unmöglich... Wen soll man aussenden? Wer wird ein solches Werk wagen? Philon unternahm es. Er, der erste Völkerapostel, führte die Bibel vor die Ver- 383

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