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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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wie Gott Abraham in Versuchung führte-wie Er ihm befahl, daß er Ihm seinen einzigen Sohn Isaak zum Opfer bringen solle. Aber im letzten Augenblick verhinderte ein Engel die Hand des Vaters an dem Morde, Spinoza hingegen mußte sein furchtbares Werk zu Ende führen. Kein Engel kam geflogen und hemmte seine Hand, und jener, der Gott am meisten geliebt hatte, wurde zu seinem Mörder. 3. Noch ein historischer Kommentar. Er ist notgedrungen nur ein kurzer. Vor zweitausend Jahren kam zu den Völkern Europas das Licht aus dem Osten - lux ex Oriente - d. h. die Bibel. Und die Völker des Okzidents, so lehrt unsere Geschichte, nahmen dieses Licht an und erkannten in ihm die Wahrheit. Aber noch zwanzig Jahre vor dem Beginn unserer Ära tauchte in Alexandrien ein rätselhafter Mann namens Philon auf. Er war kein großer oder origineller Denker. Das war kein Plotin, kein Descartes und kein Spinoza. Und doch erlegte ihm das Schicksal oder, mit Hegel gesprochen, der Zeitgeist, eine ungeheure historische Mission auf. Er war dazu ausersehen, die Bibel mit der hellenischen Philosophie, anders ausgedrückt, den Logos mit Gott „auszusöhnen64. Philon hat seine Mission erfüllt, die Bibel söhnte sich mit dem Logos aus und wurde danach von den europäischen Völkern angenommen. Worin bestand diese Aussöhnung? Die Lehre vom Logos hat, wie dies heute allgemein anerkannt ist, ihre höchste Blüte in der stoischen Philosophie erreicht und ist unzertrennlich mit ihr verknüpft. Uberhaupt hat die stoische Philosophie in bedeutend stärkerem Maße die Schicksale des europäischen Denkens bestimmt, als man zu meinen gewohnt ist. In der Zeit nach den Stoikern konnte ein Philosoph nicht mehr umhin, ein Stoiker zu sein. Die Stoiker verkündeten: jtäg ätpQcov [mh'erai, — jeder, der sich nicht der Vernunft unterordnet, ist wahnsinnig. Oder, in der populäreren, dafür aber auch offeneren Ausdrucksweise Senecas: si vis tibi omnia subjicere te subjice rationi. Hierin Hegt das Wesen des Stoizismus : du mußt dich einmal, ein einziges Mal unterwerfen, d. h. dich angesichts der unversöhnlichen Vernunft, „angesichts des Gesetzes" von dir selbst lossagen, - dann ist dir der Sieg, jeder beliebige Sieg gesichert. Ich meine, daß es keines besondern Scharfblicks bedarf, um hinter den Geboten der Stoiker den alten Gedanken Anaximanders zu entdecken: 382

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