Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Gott mischt sich nicht in unsere Angelegenheiten ein, Gott steht außerhalb von uns, oder besser gesagt, es gibt keinen Gott. Es ist klar, daß Descartes nicht einmal ahnte, was er unternommen hatte, indem er sein de omnibus dubitandum, sein clare et distincte und den beständigen, unveränderlichen Gott verkündete, der die Menschen nicht betrügen will und, selbst wenn er es wollte, nicht betrügen kann. Er ahnte nicht, daß sich mit ihm das Gleiche wiederholte, was dem alten Adam widerfahren war. Die Rolle der Schlange spielte hier der unsichtbare Zeitgeist (der so unsichtbar ist, daß selbst Hegel und nach Hegel wir alle bereit sind, ihn nicht für ein mythologisches Wesen, sondern für einen reinen Begriff zu halten). Eritis sicut dei scientes bonum et malum. Hegel, der viel sorgloser war als Descartes, pflegte auch gerade heraus zu sagen, daß die Menschen, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen, göttergleich geworden seien. Das Geheimnis war aus der Welt verschwunden, alles hatte scharfe bestimmte Umrisse angenommen, alles war klar und deutlich geworden. Jetzt verstehen wir Pascal. Mit seinem ganzen Wesen fühlte er, daß die Klarheit und Deutlichkeit und der beständige Gott, der die Menschen nicht betrügen kann und will, der Anfang des Todes und der Vernichtung ist. AuchSpinoza fühlte das. Aber Gottes Wege sind unerforschlich. Wie der Prophet Jesaias vernahm Spinoza die Stimme Gottes: Wen soll ich senden, wer wird gehen? Und er antwortete: Hier bin ich, sende mich. Und als Gott ihm befahl: Gehe hin und sage es allen Völkern der Erde, da ging Spinoza aus und sagte ihnen jene furchtbaren Worte, die ich bereits anführte: Wille und Vernunft Gottes haben mit dem Willen und der Vernunft des Menschen ebensowenig gemein, als das Sternbild des Hundes mit dem Hund, dem bellenden Säugetier. Anders ausgedrückt: 7 r> © Die Worte der Bibel „Der Mensch wurde nach Gottes Ebenbild geschaffen46 sind Lüge und Erfindung. Die Wahrheit wußten die Griechen, bis zu denen die Weisheit des fernen Orients gelangt war. Nicht Gott hat den ö r> Menschen geschaffen, sondern der Mensch selbst hat sich frevelhaft und ruchlos ins Sein gestürzt. Einen Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde, der den Menschen aus freien Stücken erschaffen hat, darf es nicht geben. Ein solcher Gott wäre ein Mythus. Einen solchen Gott muß man töten. Und töten müßte ihn nach unergründlichen Ratschlüssen jener, der ihn mehr liebte als alle anderen. Wir erinnern uns an die Erzählung, 381