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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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samste war, sondern durch das, was er gegen seinen eigenen Willen in Erfüllung der Forderungen des Zeitgeistes sagte und tat. Denn dies muß unermüdlich wiederholt werden: unsere Geschichte im allgemeinen und die Geschichte der Philosophie im besonderen ist, mit Hegel gesprochen, ausschließlich für das „Allgemeine" interessiert, in der Uberzeugung, die uns durch die hellenischen Philosophen eingeflößt wurde, daß nur das „Allgemeine" wahr und wirklich, alles „Einzelne" aber schon durch seine Entstehung frevelhaft, ruchlos und illusorisch sei. Der Einfluß Spinozas auf die nachfolgende Philosophie war ein maßlos großer. Und gerade deshalb, weil er im Gegensatz zu Pascal der ihm vom Zeitgeist auferlegten Mission nicht aus dem Weg ging. Ich denke, es wird keine Übertreibung sein, zu sagen, daß nicht Descartes, sondern gerade Spinoza als Vater der neuen Philosophie zu bezeichnen ist, wenn man unter Philosophie Weltanschauung im umfassenden Sinne dieses Wortes versteht, wenn man in ihr das sucht, was die Griechen jigärai aqyai> (nZcofiaza jiavxwv nannten oder, wie Plotin, to rifitoharov. Descartes Heß sich, wie wrir uns erinnern, durch Gedanken an Gott nicht im geringsten beunruhigen. Wenn Gott die Menschen nicht betrügen will und kann, wenn Gott seiner Natur nach unveränderlich ist und stets sich selbst gleich bleibt (beide „wenn" sind gleichwertig, beide dienen als Bedingung für die Möglichkeit positiven, wissenschaftlichen Wissens) - so ist das alles, was gefordert wird. Mehr erwartete Descartes vom „vollkommenen Wesen" nicht und wollte auch nicht mehr erwarten. Als er sein de Omnibus dubitandum verkündete, hatte er gar nicht vor, wirklich an allem zu zweifeln! Zu zweifeln war nur daran, ob irgend jemand im Weltall den Menschen daran hindern könne, Wissenschaft - Physik, analytische Geometrie, primam philosophiam - zu schaffen. Er war von vornherein überzeugt, daß, wenn er mit sich allein bliebe und nur die Bösen, aber mächtigen Geister, oder die guten, aber unbeständigen Götter ihn nicht störten, er ein vollkommenes Gebäude schaffen würde. Wie konnte ein einsamer Mensch, der erst gestern auf die Welt gekommen und morgen zu sterben verurteilt war, wie konnjte er sich entschließen, eine so gigantische, wie es scheinen möchte seine Kräfte übersteigende Aufgabe auf sich zu nehmen und sie persönlich, individuell zu verantworten? Und doch hat er sich dazu entschlossen und ist sogar nicht im geringsten erschrocken. Im Gegenteil, er freute sich und frohlockte: 380

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