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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Gewalt zu einem gemeinsamen Ziel hingezogen, zu ihm hingetrieben. Alle suchten mit Freude und großem Frohlocken das, was Descartes mit den Worten clare et distincte bezeichnet hatte. Das Geheimnis und das Geheimnisvolle sollte um jeden Preis aus dem Leben verbannt, mit Stumpf und Stiel aus ihm ausgerottet werden. Das Geheimnisvolle ist Finsternis, das Geheimnis ist der furchtbarste Feind der Menschheit. Nur wenige, einsame Menschen von der Art Pascals teilten nicht die allgemeine Freude und das Frohlocken, als hätten sie geahnt, daß das clare et distincte oder das lumen naturale eine große Gefahr in sich birgt und daß derZeitgeist,der sich der besten Köpfe der Epoche unumschränkt bemächtigt hatte, der Geist der Lüge und des Bösen, nicht aber der Wahrheit und des Guten war. Aber Pascal stand, wie ich bereits sagte, außerhalb der Geschichte. Vielleicht deshalb, weil er schwer krank war, vielleicht aber war die schwere Krankheit die Sühne (oder Belohnung? auch solches ist möglich) für den Ungehorsam gegen den Zeitgeist. Die Geschichte ist viel komplizierter und verwickelter, als Hegel meinte, und die Geschichte der Philosophie könnte, wenn sie sich nicht durch vereinfachte und darum überzeugend erscheinende Konstruktionen in Versuchung führen ließe, allerhand zu sehen bekommen, was viel interessanter und bedeutsamer ist, als die Entwicklungsstufen und die sieh selbst genügende Dialektik. Vielleicht würde dann, wenigstens teilweise, klar werden, woher der Geist jene Kraft hat, mit der er sieh die Menschen unterwirft, und worin die Bestimmung dieses Geistes besteht. Vielleicht würden wir dann begreifen, daß die Aufgabe der Geschichte der Philosophie durchaus nicht darin besteht, den „Entwicklungsprozeß46 der philosophischen Systeme darzustellen, daß ein solcher Prozeß sich zwar wohl beobachten läßt, uns jedoch nicht nur nicht ins Alletheiligste der Philosophen, d. h. in ihre geheimsten Gedanken und Erlebnisse einführt, sondern uns der Möglichkeit beraubt, mit den hervorragendsten Menschen der Vergangenheit in Verkehr zu treten. Die Geschichte der Philosophie, ja auch die Philosophie selbst, soll sein und war häufig nur ein „Wandern durch Menschenseelen", und die größten Philosophen waren stets Wanderer durch Seelen. Unsere Geschichte aber schweigt sich über Pascal in seiner Eigenschaft als Philosoph aus. Auch die „historische" Bedeutung Spinozas wurde nicht dadurch bestimmt, was für ihn das Wesentlichste und Bedeut- 379

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