Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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vor ihm alles gesagt und getan, was erforderlich war. Descartes hat durchaus nicht nur deshalb nicht die Sprache Spinozas gesprochen, weil er Verfolgung durch die Kirche fürchtete, wie Bossuet annahm. Selbst wenn er nichts gefürchtet hätte, so hätte er dennoch nicht gesagt: Wille und Vernunft Gottes haben mit dem Willen und der Vernunft des Menschen ebensowenig gemein als das Sternbild des Hundes mit einem Hund, dem bellenden Säugetier. So spricht der Mensch nur dann, wenn er fühlt, daß in seinen Worten nicht eine Aussage, sondern ein Urteil enthalten ist, ein verhängnisvolles, ein letztes, ein Todesurteil. Ich habe einen kleinen Abschnitt aus Spinozas „Ethik" angeführt. Ich will nicht behaupten, daß man aus den Werken und Briefen Spinozas sehr viele derartige Urteile heraussuchen könnte. Im Gegenteil, offene Eingeständnisse und schroffe, herausfordernde Behauptungen kommen bei Spinoza verhältnismäßig selten vor, und wenn sie vorkommen, so geschieht dies immer ganz überraschend, als brächen sie gegen seinen Willen aus irgendeiner rätselhaften, sogar für ihn selbst verborgenen Tiefe seines Wesens hervor. An der Oberfläche aber ist stets die „mathematische Methode": ruhige, gleichmäßige, klare Beweise. Er spricht ausschließlich vom clare et distincte, als beschäftigte ihn nichts anderes außer der Klarheit und Deutlichkeit. Es ist anzunehmen, daß, wenn er Pascals Worte gelesen hätte, man könne aus einem Mangel von Klarheit faire profession, er gesagt hätte - ein Lieblingsausdruck Spinozas daß Pascal einer von den Menschen sei, die mit offenen Augen schlafen oder wachend träumen. Spinoza hat Pascal wahrscheinlich nicht gekannt, aber die Art der Gedanken, an die sich Pascal hielt, an die er sich, wenn man so will, krampfhaft klammerte, war Spinoza selbstverständlich nur allzu gut bekannt, und er hielt es für seine historische Mission, gerade diese Art zu bekämpfen. Denn wenn Pascal behauptete, daß er die Klarheit nicht gelten lasse, so lehnte er gerade jenes Gebot ab, das der Zeitgeist allen Kindern aller führenden Völker des Europas des 16. und 17. Jahrhunderts brachte. Giordano Bruno bestieg den Scheiterhaufen bereits in Erfüllung der Forderungen des mächtigen Geistes, Campanella verbrachte sein ganzes Leben in Gefängnissen und wurde aufs grausamste gefoltert, Galilei entging dem Schicksal Brunos nur durch verstellten Widerruf. Alle hervorragendsten Menschen dieser Epoche wurden mit unaufhaltsamer 378