Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823780--0877-2824828
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ebenso zwingend ist wie für die Menschen. Der Tod ist das natürliche, d. h. der Natur der Dinge entsprechende Ende dessen, was die Geburt zum Anfang hat. Wenn es sich aber so verhält, so unterliegt es bereits keinem Zweifel, daß der einzelne Mensch widerrechtlich ins Sein hereinbrach und folglich kein Recht aufs Leben hat. Dann ist das, was die Bibel erzählt, offenkundig falsch. Läßt man die biblische Sage gelten, so bedeutet das, daß man auf die klaren und deutlichen Wahrheiten Descartes' verzichtet und Pascals manque de clarte zu seiner profession macht! Darüber hinaus wird der biblische Gott selbst, von dem berichtet wird, daß er nacli seinem Ebenbilde den Menschen erschuf, zum Mythus und zu einer falschen Erfindung. Denn Gott, nach dessen Ebenbild der Mensch erschaffen wurde, d. h. der persönliche Gott, das Individuum Gott, ist eine „verschwommene", d. h. falsche Vorstellung. Der wahre Begriff ist ein klarer und deutlicher - es ist jener allgemeine Geist oder Gesamtgeist, über den wir von Hegel hörten. So „dachten" die alten Griechen, so dachten Menschen, die in der Neuzeit Wissenschaften und Künste wieder erweckten, so denken auch unsere Zeitgenossen. Doch hat erst Spinoza alles beim richtigen Namen genannt: Nam intellectus et voluntas, qui Dei essentiam constituerent, a nostro intellectu et voluntate toto coelo diferre deberent nec in ulla re, praeterquam in nomine, convenire possent; non aliter scilicet, quam inter se conveniunt canis, signum coeleste, et canis, animal latrans. In einer solchen Sprache begann ein Schüler Descartes' zu reden. Daß Spinoza ein Schüler Descartes' war, kann nicht bestritten werden, wie auch nicht bestritten werden kann, daß er ein Kind seiner Zeit war. Noch war, bildlich gesprochen, der Scheiterhaufen nicht heruntergebrannt, auf dem man Giordano Bruno verbrannt hatte - und schon wagt es Spinoza, laut zu verkünden, daß alles, was die Bibel von Gott sagt, lauter Erfindungen der Phantasie seien. Hegel wiederholte zweihundert Jahre später Spinoza (der ganze Hegel ist ja aus Spinoza hervorgegangen), doch hat er nie auch nur den Versuch gemacht, so offen und schroff zu sprechen. Nicht aus Vorsicht: ihn schreckte bereits weder das Schicksal Brunos, noch das Schicksal Galileis. Aber Hegel brauchte nicht so zu sprechen, er hatte nicht das innere Bedürfnis hierzu. Spinoza hatte schon 377

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.