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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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folglich ist das individuelle Leben seinem Wesen nach Ruchlosigkeit und enthält aus demselben Grunde die Gefahr höchster Bestrafung - die Gefahr des Todes. So lehrte der erste griechische Philosoph Anaximander. So lehrte auch der letzte große Philosoph des Altertums - Plotin: aQyii fjiv toc xaxov? roifia xal it ytveoig (der Anfang des Bösen ist die vermessene Geburt, d. h. das Auftreten von Einzelwesen). Das Gleiche, ich sage das nochmals, lehrt die Menschen die moderne Philosophie. Wenn Hegel sagt, daß das Individuum dem allgemeinen Geist angehöre, so wiederholt er nur, was Anaximander sagte. Der Vollständigkeit halber füge ich noch hinzu: Die Legende Anaximanders wurde nicht von ihm und nicht einmal von den Griechen erfunden. Sie kam in die hellenische Welt aus dem Orient - der Heimat aller Legenden und Mythen, von denen der Okzident lebte und lebt, die er jedoch nicht anerkennen will. Wir haben also zwei Legenden. Der Mensch als individuelles Wesen kam gemäß dem Willen und mit dem Segen Gottes in die Welt. Das individuelle Leben tauchte im Weltall entgegen dem Willen Gottes auf und ist darum seinem Wesen nach ruchlos, und der Tod, d. h. die Vernichtung, ist die gerechte, natürliche Sühne für die verbrecherische Eigenmächtigkeit. Wie und durch wen soll entschieden werden, wo die Wahrheit liegt? Hat die Menschen Gott fürs Leben erschaffen oder sind sie selbst in vermessener Weise durch List und Betrug zum Leben gelangt? Oder verhält es sich vielleicht gar so, daß die einen Menschen von Gott erschaffen wurden, während die anderen selbst, entgegen dem Willen Gottes, sich ihren Weg zum Dasein bahnten? Alle diese beunruhigenden, verhängnisvollen Fragen kann unserer Meinung nach nur die menschliche Vernunft beantworten. Und sie antwortet: die letztere Vermutung ist gänzlich unannehmbar. Es ist unmöglich, daß die metaphysische Wesenheit aller Menschen nicht die gleiche wäre. Auch ist es klar, daß die Menschen nicht durch Gottes Segen in die Welt kamen. Die alltägliche Erfahrung lehrt uns, daß alles, was entsteht, auch wieder dem Zerfall unterhegt, und daß alles, was geboren wird, auch wieder stirbt. Ja, darüber hinaus, daß alles, was geboren wird, d. h. einen Anfang hat, sterben, d. h. ein Ende nehmen muß. Das sagt uns sogar bereits nicht mehr die Erfahrung, das ist evident, das ist jene klar und deutlich erkannte Wahrheit, veritas aeterna, gegen die es keine Entgegnung geben kann, die sogar für Gott 376

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