Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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liehen Angelegenheiten nicht einzumischen: noli tangere circulos nostros. So freudig und begeistert lehrte, dem Geiste seiner Zeit ergeben, Descartes. So lehrten nach Descartes und vor ihm auch viele andere hervorragende Männer des 16. und 17. Jahrhunderts. Alle waren sie überzeugt, daß Gott uns nicht betrügen wolle und könne, daß die Quelle unserer Irrtümer wir selbst seien, unser freier Wille, und daß klare und deutliche Urteile nicht falsch sein könnten: das verlangte der allmächtige Zeitgeist... Nun aber etwas anderes. Pascal war der jüngste Zeitgenosse Descartes'. Und wie Descartes war er einer der hervorragendsten Vertreter des wissenschaftlichen Denkens seiner Epoche. Die von Descartes verkündete Lehre von den klaren und deutlichen Urteilen war ihm gut bekannt. Er wußte natürlich auch, daß der Zeitgeist mit Descartes war, und konnte auch leicht erraten und hat wahrscheinlich auch erraten, was der Zeitgeist von seinen Kindern forderte. Der Erfüllung dieser Forderungen aber ging er aus dem Wege. Auf das frohlockende „clare et distinete" Descartes' antwortete er schroff, finster und mürrisch: Ich will keine Klarheit und qu'on ne nous reproche pas le manque de clarte, car nous en faisons profession. Das heißt: Klarheit und Deutüchkeit töten die Wahrheit... So sprach Pascal, wie Descartes ein Kind des 17. Jahrhunderts, ebenfalls ein Franzose und ebenfalls, ich betone dies, ein hervorragender Gelehrter . . . Wie konnte es aber geschehen, daß zwei Männer, die dem gleichen allgemeinen Geiste hätten angehören und folglich das Wesen ihrer Zeit und ihres Volkes hätten darstellen müssen, so Verschiedenes sagten? Oder hatte Hegel „nicht ganz" recht? Man kann offenbar nicht aus seiner Haut heraus - doch gelingt es dem Menschen zuweilen wohl, dem Zeitgeist ungehorsam zu werden und sich von der Beschränktheit seiner Zeit loszumachen? Und die zweite Frage: Wo ist die letzte endgültige Wahrheit zu suchen? Bei den finsteren und mürrischen Ungehorsamen gegen den Zeitgeist, die der Unmöglichkeit zum Trotz sich von der Macht ihrer Zeit losmachen, oder bei jenen, die die Unmöglichkeit nicht bestreiten und in dem festen Glauben, daß die menschliehe Vernunft sich durch nichts von der göttlichen unterscheidet, triumphierend und frohlockend auf der großen Straße der Geschichte fortrasen? Denn, daß die große Straße der Geschichte nur für die Unterwürfigen offensteht — daran wird wohl kaum jemand zweifeln. Pascal mit seiner rätselhaften „pro- 374