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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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lieh Dinge, die wachen Menschen als übernatürlich erscheinen. Vielleicht ist das somnambule Denken nützlich, ja sogar sehr nützlich. So nützlich es aber auch sein mag, so darf sich doch die Philosophie auf jeden Fall - selbst wenn sich herausstellte, daß die größten wissenschaftlichen Entdeckungen und Erfindungen von Menschen im somnambulen Zustand gemacht wurden (alle Voraussetzungen sprechen dafür, daß diese Vermutung richtig ist) - durchaus nicht durch Nutzen und Vorteile in Versuchung führen lassen, selbst nicht durch sehr großen Nutzen und Vorteil. So werden wir also doch, ob wir nun wollen oder nicht, nach Descartes' eigener Regel - de omnibus dubitandum - an seiner Voraussetzung zweifeln und uns fragen müssen: werden wir denn wirklich durch klare und deutliche Urteile niemals betrogen? Ist es nicht umgekehrt? Sind nicht Klarheit und Deutlichkeit der Urteile ein Merkmal ihrer Unrichtigkeit? Anders ausgedrückt, ist es nicht so, daß Gott die Menschen zugleich betrügen will und kann? Und daß gerade dann, wenn er die Menschen betrügen muß, er ihnen Philosophen oder Propheten schickt, die ihnen falsche, aber klare und deutliche Urteile einflößen? Und doch hat Hegel recht, in bedeutend größerem Maße recht, als er selbst vermutete. Descartes war ein Kind seiner Zeit, und seine Zeit war zu Beschränktheit und Verirrungen verurteilt; welche als Wahrheiten darzustellen und zu verkünden ihr beschieden war; es ist erstaunlich, daß von allen Prädikaten Gottes Descartes sich nur für eines interessierte - für ein negatives: Gott kann kein Betrüger sein. Descartes verlangte von Gott nur, daß er ihn bei seinen wissenschaftlichen Untersuchungen nicht störe, d. h. daß Gott sich nicht in die Angelegenheiten der Menschen einmische. Gott könne ja doch nicht den Menschen in allem betrügen. Cogito ergo sum. Indem Gott den Menschen zum Leben, d. h. zum Denken erweckte, war er eben dadurch gezwungen, ihm zu eröffnen, daß er, der Mensch, existiert, d. h. also ihm die erste Wahrheit zu offenbaren. Nachdem er ihm aber die erste Wahrheit eröffnet hatte, offenbarte ihm Gott eben dadurch auch die Wahrheit, welches die Anzeichen einer Wahrheit seien, d.h. er ermöglichte es ihm, zu erfassen, daß nur klare und deutliche Wahrnehmungen wahr sind. Ein Stützpunkt ist gefunden - die neuen Archimede können selbstgewiß ihr Werk fortsetzen. Schon beten sie nicht mehr: „Unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld44, sondern sie schlagen Gott nur höflich vor, sich in die mensch- 373

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