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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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nachdenke! Insbesondre in Anbetracht jener sorglosen Selbstsicherheit oder, wenn man will, jener naiven Vertrauensseligkeit, mit der sie ausgesprochen wurden, und die, nebenbei bemerkt, klare und deutliche Urteile stets begleitet, ut unusquisque, qui certitudinem intellectus gustavit, apud se sine dubio expertus est! (Spinoza, Theologisch-politischer Traktat, Cap. I.) Die Philosophie, lehrt uns Hegel - der größte der Rationalisten ist verurteilt zur Beschränkung durch den Geist ihrer Zeit, und es gibt für die Menschen keinerlei Möglichkeit, sich von dieser Beschränkung loszureißen. Und das bringt ihn nicht im geringsten in Verlegenheit, im Gegenteil, es bezaubert ihn sogar, denn es ist das, was die meiste Ähnlichkeit hat mit der ersehnten, so lange erwarteten wissenschaftlichen Wahrheit, d. h. was clare et distincte erkannt wird, so klar und deutlich, daß man nicht einmal den Verdacht hegen kann, Gott selbst könnte, wenn er dies noch so sehr wünschte, uns diesmal irreführen. Und sogar nachdem der Mensch Hegels Worte gelesen hat, daß er ein Kind seiner Zeit sei und in seinen Urteilen nicht die Wahrheit, sondern das darstelle, was im gegebenen historischen Moment der allgemeine Geist wolle, ist es ihm nicht nur nicht gewährt, sich von der Beschränktheit loszumachen, sondern es ist ihm nicht einmal gewährt, diese Beschränktheit zu fühlen und als etwas Nichtseinsollendes, von außen Aufgezwungenes, als einen widerwärtigen, drückenden Alp zu erkennen, von dem man — wenn man auch durch ihn nicht erwachen kann - sich doch sagen muß, daß er nicht Wirklichkeit, sondern nur ein qualvoller Traum ist. Stelle eine zufällige, beschränkte Wahrheit dar und begnüge dich damit, ja freue dich und frohlocke sogar hierüber. Ebenderselbe Hegel schreibt in dem gleichen Werk, sogar in dem gleichen Kapitel, dem diese eben zitierten Zeilen entnommen sind: „Die Philosophie ist nicht ein Somnambulismus, sondern vielmehr das wachste Bewußtsein.46 Doch wenn das, was er vom Geist der Zeit sagte, Wahrheit ist, so ist die Philosophie - das, was Hegel als Philosophie bezeichnet - reinster Somnambulismus, und das philosophische Bewußtsein das unwachste Bewußtsein. Allerdings wäre es hier sehr wichtig, zu bemerken, daß an und für sich der somnambule Zustand, allgemein gesprochen, nicht für ein so großes Unglück gehalten werden kann und daß er vielleicht sogar ein „Glück" ist. Machen doch die Somnambulen bekannt- 372

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