Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Leben, die Menschen vom Geheimnis und von den geheimnisvollen Kräften zu befreien, die alles in ihrerGewalt hielten. Abhängigkeit-selbst von einem allervollkommensten Wesen - erschien ihm unerträglich drückend und qualvoll. Er vertraute nur sich selbst. Und bei dem Gedanken, daß es im ganzen Weltall niemanden gebe, der ihn betrügen wollte oder könnte, daß er niemandem zu vertrauen oder zu glauben brauche, daß er selbst (sich selbst vertraute er ja unbedingt!) von nun an Herr und Schöpfer seines Schicksals sei, füllte sich seine Seele mit ekstatischem Entzücken, seine Traktate wurden zu Dichtungen, zu triumphierenden, frohlockenden Liedern, zu Siegesgesängen. Gott will die Menschen nicht betrügen, Gott kann die Menschen nicht betrügen selbst wenn er es wollte, über Gott und über den Menschen gibt es ein ewiges „Gesetz"*. Wenn man nur klar und deutlich dieses Gesetz sehen würde, würde alles Geheimnisvolle offenbar werden, das Geheimnis aus der Welt verschwinden und die Menschen würden göttergleich werden. Die Menschen werden göttergleich werden! In einer solchen Sprache redete Descartes nicht. So sprach zweihundert Jahre nach ihm Hegel. Descartes war gezwungen, noch nicht alles auszusprechen, er war noch, wie uns die Historiker erklären, des Schicksals Galileis eingedenk. Sogar seine Zeitgenossen dachten so von ihm. Bossuet schrieb über ihn: „Monsieur Descartes a toujours craint d'etre note par Teglise et on lui voit prendre des precautions qui allaient jusqu'ä exces." Und doch hat er bei all seiner Vorsicht seine historische Mission genial und unvergleichlich erfüllt. Descartes ist ein Markstein am Ende der tausendjährigen „Nacht des Mittelalters", er ist jener große „Sprung" oder Wendepunkt, mit dem die neue Geschichte, das neue Denken beginnt. Zudem war Descartes ein wahres „Kind seiner Zeit". Auf ihn können im ganzen oder doch, wenn man so will, in der Hauptsache die Worte Hegels angewendet werden: „Jede Philosophie, eben darum, weil sie die Darstellung einer besonderen Entwicklungsstufe ist, gehört ihrer Zeit an und ist in ihrer Beschränktheit befangen. Das Individuum ist Sohn seines Volkes, seiner Welt; der Einzelne mag sich aufspreizen, wie er will, er geht nicht über sie hinaus. Denn er gehört dem einen allgemeinen Geiste an, der seine Substanz und Wesen ist; wie sollte er aus diesem herauskommen?" (Hegels Werke XIII. 59). Das sind bemerkenswerte Worte - sie verdienen es, daß man über sie 371