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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Namen er auch nicht zu erfahren suchte, die ihn aber unumschränkt beherrschte, trieb ihn unaufhaltsam zu dem einen Ziel: um jeden Preis das Geheimnis aus unserem Leben zu verbannen. Die Wahrheit, sagt er, sei nur in dem enthalten, was klar und deutlich (clare et distincte) erkannt werden könne. Alles, was nur verschwommen erkannt werde, alles Geheimnisvolle, könne nicht Wahrheit sein. Und diese Behauptung ist seiner Meinung nach bereits keine Voraussetzung mehr. Sie ist das, woran niemand irgendwo jemals gezweifelt habe und auch nicht habe zweifeln können. Weder Menschen, noch Engel, noch auch selbst Gott. Um von vornherein jegliche Möglichkeit von Vorwürfen und Erwiderungen zu beseitigen, begann er selbst damit, daß er versicherte, er zweifle an allem. Und erst als er sich überzeugt hätte, daß es eine Wahrheit gibt, die dem Ansturm jeglicher Zweifel widersteht, habe er zu philosophieren begonnen, fest davon überzeugt, daß die Philosophie jetzt bereits nicht mehr von ihrem Weg abirren könne, da sie ja endlich einen zuverlässigen Kompaß - nicht nur einen Talisman - gefunden habe, von dem die Menschen fast seit der Erschaffung der Welt träumten. Gott selbst, so lehrte Descartes, will, muß wollen, daß wir im Besitz der Wahrheit seien. Und das war für ihn ein ebenso klares und deutliches, d. h. also zweifelfreies Urteil, wie auch jenes erste von ihm entdeckte Urteil, das er mit den Worten formulierte: cogito ergo sum. Gott will die Menschen nicht betrügen. Velle fallere vel malitiam vel imbecillitatem testatur, nec proinde in Deum cadit: der Wunsch, zu betrügen, zeugt entweder von Bosheit oder von Schwäche und darf folglich Gott nicht zugeschrieben werden. Gott will kein Betrüger sein und, was die Hauptsache, er könnte es nicht, selbst wenn er es wollte: cogito ergo sum. Wer Descartes' Werke nicht gelesen hat, kann sich nur schwer jenen außergewöhnlichen Schwung und jenes ungemeine Pathos, jene Aufgeregtheit vorstellen, von denen sie erfüllt sind. Trotz der scheinbaren Abstraktheit des Themas sind das nicht Traktate, sondern Dichtungen voll Inspiration. Sogar die berühmte philosophische Dichtung des Lukrez ..De rerum natura" ist bei weitem nicht so schwungvoll und feurig geschrieben, obwohl Lukrez bekanntlich seine eigene Voraussetzung hatte, die in vielem an jene Descartes' erinnert und die ihm auch viel mehr am Herzen lag als jener Atomismus Epikurs, dessen Darlegung die Dichtung gewidmet ist. Descartes, wiederhole ich, strebte eines an: die Welt, das 370

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