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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 4 · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 4
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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LEO SCHESTOW KINDER UND STIEFKINDER DER ZEIT (Das historische Los Spinozas) Et audivi vocem Domini dicentis: quem mittam? et quis ibit nobis? Et dixi: ecce ego, mitte me. Et dixit: Vade et diees populo huic: Audite audiente9 et nolite intelligere, et videte visionem et nolite cognoacere. Excaeca cor populi hujus et aures ejus aggrava; et oculos ejus claude; ne forte videat oculia suis et corde suo intelligat. Jesaiae V I. 8-10. 1. Nur wenige würden sich heute entschließen, Hegels Worte zu wiederholen, daß die Geschichte der Philosophie die Stufen der Entwicklung des Geistes darstelle. Die heutigen Philosophiehistoriker blicken auf derartige abstrakte Konstruktionen von oben herab. Sie wollen vor allem Historiker sein, d. h. wahrheitsgemäß „das, was war" erzählen, und lehnen von vornherein jegliche, die Freiheit des Forschens behindernden voreingenommenen Ideen ab. Wenn man dem, was die Menschen sagen, Glauben schenken will, so könnte man meinen, daß das Streben nach freier Forschung in ihnen noch nie so stark gewesen sei wie in unseren Tagen. Das erste Gebot der modernen Philosophie lautet: Du sollst dich frei machen von allen Voraussetzungen. Die Voraussetzung ist zur Todsünde erklärt;jene, die Voraussetzungen machen, sind Feinde der Wahrheit. Es fragt sich: haben wir irgend etwas dadurch gewonnen, daß wir ein neues Gebot, ein neues Gesetz einführten? Beim Apostel Paulus finden wir die rätselhaften Worte: „Das Gesetz aber ist neben eingekommen, auf daß die Sünde mächtiger würde.44 Und wahrhaftig - wo Gesetz ist, dort ist auch Sünde. So schwer es auch fällt, uns hiermit auszusöhnen, so müssen wir doch sagen: gäbe es keine Gesetze, so gäbe es auch keine Sünden. Im vorliegenden Falle sollten die Menschen offen sagen, daß ihre Voraussetzungen für sie wichtiger sind als ihre Philosophie, wichtiger als sonst etwas in der Welt, und daß ihr ganzes Lebenswerk darin besteht, ihre Voraussetzungen zu verkünden und zu verteidigen. Descartes, der „Vater der neuen Philosophie", der als erster das Gebot verkündete: es soll in der Philosophie keine Voraussetzungen geben (er formulierte dies durch die Worte: de omnibus dubitandum), hatte selbstverständlich seine Voraussetzung. Irgendeine mächtige, unüberwindliche Kraft, die er nicht hätte beim Namen nennen können und deren 369

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