Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 117)
- Language
- German
- Belongs to
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Ordnung. Man kann aus zwei Sprachen, aus der kündenden Zunge und der wissenden Rede, nur dann eine Sprache machen, wenn man beide Sprachen reden läßt und das eine Mal die geistige Rede geistlich künden, das andere Mal die geistliche Kündung weltlich sprechen läßt. Eines ist unmöglich und verboten, das Lebensgesetz des Geschöpfes und das des Amtes, das Gesetz des Namenlosen, der erst zu benennen ist, und das des Benannten, der seinen Namen einstens verlieren wird, einander gleichzumachen oder gleichzusetzen. Das Lebensgesetz des Geschöpfes ist einfach. Es verläuft nach dem Dreitakt von Glaube, Liebe und Hoffnung. Im Glauben geboren, in der Liebe lebend, in der Hoffnung sterbend, ist dieser Dreitakt einer geglaubten Vergangenheit, einer geliebten Gegenwart und einer erhofften Zukunft ein Dreiklang von höchster Harmonie, der sich gestört fühlt, wenn ihm ein anderer Dreitakt zur Seite tritt und Anerkennung, u. U. sogar Unterwerfung verlangt. Dieser zweite Dreitakt ist der des Amtes. Es hat eine liebeserfüllte Vergangenheit - Simon Jona, hast du mich lieb? - eine hoffnungsstarke Gegenwart - weide meine Lämmer! - und eine glaubenssichere Zukunft - im himmlischen Jerusalem wird kein Tempel zu erblicken sein. Vater und Mutter, Lehrer und Führer ziehen ihre Ämter auch nur aus - sei es gegebenen, sei es erworbenen - Liebesverhältnissen. Ohne die Wurzel der Liebe ist Amt untragbar und unerträglich - Pfaffentum oder Polizei. Aber aus dieser Wurzel setzt es das ganze geschöpfliche Leben, das in der Liebe zerfließen müßte, unter Hoffnung und rettet den Pfad der Zukunft. Ja, ertrüge es das geschöpfliche Leben, jede Minute in Liebesflammen zu stehen, verlangte es nicht selber nach Konservierung der Liebe, dann stünde es anders. Wrozu dann Lämmer weiden? wozu dann die Frage: hast du mich lieb? Die Geschöpflichkeit erneuert ihr Lieben nicht Stunde um Stunde aus den Tiefenwurzeln des Glaubens; sie läßt sich nicht jede Stunde neu gebären; sie verliert sich vielmehr an die Stunde und damit an sich selbst; es flötet in ihrem Blätterrauschen, sie läßt ihre Wurzel vertrocknen, und der Liebestrom, der durch ihre Zellen fließt und der Stamm und Zweige durchsaftet, erkaltet und versiegt. Darum wurde das Amt gestiftet - aus Liebe. Die Wurzel echten Lebens ist der Glaube, der Grund wahren Amtes die Liebe. Und so findet die Liebesüberschwemmung des Lebens auf dem Umwege über das Amt statt. Weil das Leben beim Hoffen nicht leben bleibt, sondern stirbt, Gott es auf seine hoffenden Arme nimmt, deshalb stiftet Gott - aus Hoffen für sein Erdenmenschenvolk - das Amt der Liebe. Das Amt lebt im Hoffen, Hoffen ist ihm Gegenwart, ganze Gegenwart. Die einen säen, und die anderen ernten. Deine Arbeit ist nicht vergeblich. Doch das Samenkorn muß sterben, sonst bringt es nicht Frucht. Schließlich endet das Amt beim Glauben. Dorthin führt es. Fruchtet es im Glauben, so hat das Amt sich ausgegeben, die Lämmer sind geweidet. Und im Glauben beginnt wieder geschöpfliches Leben, dem das Amt gedient hat und - dienen wird; zu nichts, als um zu dienen, läuft es den eigenen Lebensweg von dem verborgenen Grunde der Liebe über das ausgebreitete Erdenrund der Hoffnung zu den umlichte- 365