Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 116)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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HANS EHRENBERG AMT Ein Rundbrief Alles in allem, meine Freunde, das Amt ist es, das uns in Gefahr bringt und ßich zwischen uns schieben möchte - das Amt, dessen verschlossene Türen einst Neugierde und Ehrfurcht erregten, das aber heutzutage die Herzen zurückstößt und den Verkehr der Menschen unterbricht. Ihr, meine Freunde, holt Euch jetzt Euren Führer, der Euch durch Hölle, Erde und Himmel geleiten soll, nicht mehr aus dem Kreise der großen Namen, sondern aus dem der namenlosen Kinder der Erde. Ihr glaubt, daß die Kreatur Euch bis in die Hölle hinab und bis in den Himmel emporsteigen läßt, und dieser Euer Glaube soll auch nicht bestritten werden. Aber die Drahtzieher des Himmelreiches werden nicht alle aus den Kulissen hervorkommen. Nicht alle werden mit Euch hinaus auf die Bühne des Lebens treten. Darum ist es das Amt, das uns in Gefahr bringt und sich zwischen uns schieben möchte. Es war einmal - es gab einmal eine Zeit, da war nur Ein geistiger Lebensraum gegeben und bewohnt. Die Sprecher der weltlichen Weisheit und die Künder der himmlischen Wahrheit ruhten in Einem Hause und sprachen vor demselben Publikum. Der Priester war Lehrer, der Lehrer Priester. Geistig und geistlich deckten sich im Augenschein des Lebens. Sie traten auseinander. Der Lehrer weigerte 6ich, geistlich zu bleiben, und begab sich auf die Bühne des Lebens, auf der sich schon Dichter und Künstler eingefunden hatten und Musik trieben. Total Geistführer seiner Zeit war noch Luther - Volks- und Zeitgeist, wie er geistlich genug war, um dem Gesamtpneuma seiner Zeit gewachsen zu sein. Noch einmal lebte ein einzelner Mensch in beiden Geisteskammern, Herder. Aber der Generalsuperintendent von Weimar hat in seiner Kirche keine Wirkung hinterlassen; entweder war er noch zu naiv für die nach ihm Kommenden, oder schon zu angekränkelt, so daß seine Theologie entweder geist-los oder über-geistig wirkte und daher mehr Geistphilosophie und mehr Traktätchen enthielt als Zeugnis, geschweige göttliche Vergegenwärtigung, wie dies bei Luther gewesen. Nach Herder aber barst der geistige Weltraum endgültig auseinander. Nun wünschen manche den Weltraum wieder geeint. Sie wollen nicht länger zwei Räume, zwei Sprachen, zwei Gemeinwesen und Gemeinschaften dulden. Sie wollen das Geistige wieder mit dem Geistlichen füllen und es im Geistlichen erfüllen, Mollen aber den alten Teilgeistesraum nicht preisgeben und verlassen. Sie wollen keine Drahtzieher mehr hinter der Bühne, aber auch keine auf der Bühne — keine Heuchler und keine Schamlosen, keine Pfaffen und keine Afterpropheten. Aber hier geht es nicht ohne die Erfahrung des Amtes. Das Amt läßt sich nicht erdenken. Es läßt sich auch nicht erleben. Es läßt sich nur eramten. Die Folge ist, beseitigt man alle Drahtzieher, so kommen die Marionetten in Un- 364