Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 114

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 114)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823779--0861-2824811
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Er glaubt, die quantitative Physik durch eine „qualitative organische" ersetzen zu können und sieht nicht, daß gerade hierin der große entscheidende Wert der Physik beßteht, daß sie alles auf Größe und Messung zurückführt. Darum ist sie ganz konsequent darin, wenn sie aus ihrem Weltbild die sekundären Qualitäten sowie ästhetischen und ethischen Werte ausschließt, welche Whitehead, wie es scheint, gerne wiederum der Naturwissenschaft einverleiben möchte. Denn gerade in der Übersetzung der Qualitäten in Quantitäten liegt ihre Aufgabe, und es ist nicht ihr Fehler, wenn der Materialismus den methodischen Sinn der physikalischen Begriffe erkennend aus Abstraktionen Realitäten macht. Ebensowenig dürfte man es dem Theater zum Vorwurf machen, wenn es jemand mit der Wirklichkeit verwechselt. An der Kluft zwischen Wirklichkeit und Physik wird sich prinzipiell nichts ändern lassen. Aber mit Recht weist Whitehead darauf hin, daß die physikalische Welt eine Abstraktion ist. Darin liegt ihr Wert und ihre Grenze zugleich. Wovon abstrahiert die Physik und warum kann die physikalische Welt nicht für sich bestehen? In der Terminologie von Martin Bubers „Ich und Du" würden wir zu sagen haben: Die Physik abstrahiert von der Ich-Bezogenheit der gegenständlichen Welt des Es. Die Wirklichkeit ist eben dem Geiste eingetan, eingebildet, die Physik schafft eine künstliche, von dem Ich-Bezug freie Es-Welt. Hier liegt der wahre Sinn der Abstraktionen, den Whitehead sucht, und diese Abstraktion ist notwendig und insofern ist Whiteheads Ideal eines organischen Mechanismus eine Utopie*). Aber diese Utopie hat ihre Berechtigung als richtungweisendes Ideal der Wissenschaft, das ja, obzwar sie Es-Welt und Ich-Welt trennt, dennoch die Es-Welt so nahe an die Konkretheit heranbringen muß als sie nur kann, und umgekehrt so viel als nur möglich von der Konkretheit in die abstrakte Größen weit überführen muß. Nur eine Wissenschaft, welche den Sinn ihrer eigenen Methode nicht kennt, wird verführt werden, Scheinprobleme aufzustellen, wie es das ist, auf welche Weise denn die Bewegung der Moleküle und Atome in kausaler Wirkung Qualitäten, Farben, Töne erzeugen könne. Von der Forderung nach Erfassung der Einzelheit aus dem Ganzen kommt Whitehead zu jener Auffassung der Religion, die er in seinen letzten Lowell-Vorlesungen vertreten hat. Gott ist für Whitehead das Prinzip der Konkretheit. Die Abstraktionen sind bloße Möglichkeiten und diese Möglichkeiten tragen in sich nicht den hinreichenden Grund, daß sie in der konkreten Welt gerade so und nicht anders realisiert werden. Mit Fichte zu sprechen: das „daß" kann nicht aus dem „was" bewiesen werden. Die Konkretheit muß ihr eigenes Prinzip in sich tragen und dieses ist: Gott. Durch dieses Prinzip ist es bedingt, daß die Welt eine Einheit ist und daß jedes Ding alle anderen Dinge irgendwie in sich schließt. Manche Dinge der Welt bringen *) In dem letzten Kapitel von Hermann Weyls „Raum-Zeit-Materie" stehen die Worte: „. . . daß von dem Inhaltlichen jener unmittelbaren erfahrenen Wirklichkeit in die physikalische Welt im Grunde nichts eingeht . . . Letzten Endes erscheint so diese ganze physikalische Realität doch als eine bloße Form . . . da au*- ganz anderen Bezirken als denen der Physis ihr Inhalt zuwächst." Diese von tiefstem philosophischen Verständnis der Aufgabe der Physik zeugenden Worte stehen in der dritten Auflage des Buches (1920), fehlen aber in den spätem. 362

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.