Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 113)
- Language
- German
- Belongs to
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zwei heterogene Dinge: ein physikalisches Weltbild, ein Modell, das sich der Physiker macht, um die Welt zu verstehen und mathematisch zu beherrschen und die Konkretheit der erlebten Tatsachen, Farben und Klänge. Diese Farben und Klänge ßind so real, wie alles Erlebte real ist. Die Theorien des Physikers sind Übersetzungen dieses Erlebten in die Sprache der Zahlen, die weder etwas für noch gegen die Wahrheit der erlebten Realitäten beweisen können. In der mechanistischen Weltanschauung hat sich aber die Ubersetzung von ihrem Sinn und Zweck entfernt und sich für die Realität ausgegeben. In einem ausge- D ~ © zeichneten Kapitel seines Werkes „Die Wissenschaft und die moderne Welt" zeigt Whitehead, wie die Menschheit ein Opfer ihrer eigenen Abstraktionen wurde und, außerstande den Mechanismus der Naturwissenschaft mit dem Glauben an die Selbstbestimmung des Menschen vereinigen zu können, einen radikalen unversöhnlichen Widerspruch in die Grundlagen unseres Denkens aufnahm, der schuld ist an so vielen Halbheiten unserer Zivilisation. Der Mensch des Mittelalters erstrebte ein Weltbild. Wir begnügen uns mit einem Agnostizismus, der es uns ermöglicht, von zwei einander entgegengesetzten Standpunkten aus eine ganz oberflächliche Ordnung unter den Eindrücken der uns umgebenden Welt herzustellen. Whitehead zeigt in einer feinen Analyse von Gedichten Miltons, Popes, Wordsworths, Tennysons, wie sich auch die Literatur am Ende vor dieser Kompromißgesinnung nicht schützen kann, die Tennyson zur völligen Verzweiflung bringt. Denn er muß an das Molekül glauben, „das blind läuft", möchte aber doch den Glauben behalten, den er nicht beweisen kann, und der diesem blinden Fatum widerspricht. Wie löst nun Whitehead selbst die Schwierigkeit? Er ist stark in der Kritik, aber dunkel in den positiven Elementen seiner Philosophie. Die Einheiten, von denen die Naturwissenschaft ausgehen muß, müßten konkreter sein, Organismen" nicht im biologischen Sinn, sondern in der Bedeutung, daß das Ganze die Teile bestimmt, und die Teile eben nur abstrakte Seiten des Ganzen. Ein Elektron ist ein anderes, je nach dem System, dem es angehört, und dieses System, das konkrete Ereignis44, bestimmt seine Bahn. Das Elektron verläuft innerhalb eines lebendigen Körpers nach dem Plane dieses Körpers. Überall herrscht das „Prinzip der Modifikation44, nach welchem die kleinsten Teile der Materie in ihrem inneren Charakter unterschieden sind, je nach dem organischen Plane der Situation, in welcher sie sieh befinden. Whitehead nennt deswegen seine Naturauffassung „organischen Mechanismus". Sie sollte „einen Protest darstellen gegen die Idee, daß die Abstraktionen der Wissenschaft unverbesserlich sind und nicht geändert werden können4". Es ist Aufgabe der Philosophie, die Abstraktionen der Naturwissenschaft zu kritisieren. Philosophie muß den Abstraktionen der Naturwissenschaft ihre relative Berechtigung anweisen, aber auch ihre Grenzen zeigen, durch direkte Vergleichung mit einer konkreteren Anschauung des Universums. Die Frage ist nur, wo die mögliche Grenze der Abstraktionen der Naturwissenschaft liegt. Hierüber scheint Whitehead keine klare Vorstellung entwickelt zu haben und er scheint an die Konkretisierung der naturwissenschaftlichen Begriffe größere Ansprüche stellen zu wollen als erlaubt ist. 361