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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 111

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 111)
Language
German
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Einzeltatsache unmöglich. Dieser Glaube aber ist Erbe der Antike. Die neue Zeit hat ihm aber ein wichtiges Element hinzugefügt: die Beobachtung. \V hitehead geht in seiner Erforschung des historischen Ursprungs dieser neuen geistigen Tatsache, des leidenschaftlichen Interesses am Detail zur Kunst zurück, weiche der Wissenschaft voranging: Giotto ist ein Vorgänger der physikalischen Vv eltauffassung. Erst im „Jahrhundert des Genies44, im 17. Jahrhundert, bahnte »ich die neue geistige Einstellung in der Wissenschaft Bahn. Selbst Baeon, der, am Anfang des 17. Jahrhunderts, zuerst den Geist der Induktion als Grundlage der W issensehaft »ich zum Bewußtsein brachte, kennt noch nicht die Bedeutung der Messung. Er hat die eutscheidende Wichtigkeit der Beobachtung der Quantität noch nicht verstanden, die dann in den Galileischen Forschungen siegreich zum Durchbruch kam. Dieser quantitativen Physik verdanken wir die Weltanschauung, die bis heute das Zeitalter beherrscht hat. Die Reduktion der Qualität auf Quantität war der große Erlolg der neuen W isseuschaft, aber die Menschheit hat für diese Errungenschaft schwere Opfer gebracht. Sie hat die farbige, tönende, bunte Welt verloren, die sie früher umgab. Farben verwandelten sich in Atherschwingungen, Töne in Luftschwingungen, arme in Bewegung, die Welt der neuen Physik ist ein Reich farbloser, kiangioser, quaiitätsloser Atome. Alle qualitativen Eigenschaften der Natur schob die Physik dem psychischen Faktor zu. Erst dort gibt es Farben und Töne, wo zu dem Mechanismus der Natur Auge und Ohr, der komplizierte Apparat des seelischen Lebens hinzutritt. Die Naturbetrachtung selbst kennt alle diese „sekundären Qualitäten" nicht. ,,\V arum preisen wir die Natur", sagt Whitehead, „für den Duft der Rose, für den Sang der Nachtigall, für die Strahlen der Sonne? Die Dichter irren in der Adresse. Sie sollten in ihrer Lyrik sich selbst besingen, sollten selbstzufrieden der Herrlichkeit des menschlichen Geistes Lorbeeren winden. Natur ist eine stiere Angelegenheit ohne Klang, ohne Duft, ohne Farben, bloß die schnelle Bewegung von Materie, ohne Ende, ohne Zweck.44 W hitehead rühmt die Weisheit des genialen 17. Jahrhunderts, da» diese einheitliche materialistische Anschauung schuf. Heute, glaubt er, nähert sieh diese Weltanschauung ihrem Ende. Es hat allerdings Jahrhunderte gedauert, ehe sie sich ganz auswirkte. Die Ablösung der Physik von der Theologie ging langsam vonatatten. Newtons Stellung ist bekannt genug. Weniger bekannt ist, daß eine» der wichtigsten Gesetze der modernen Mechanik, das berühmte Theorem der kleinsten Wirkung von Maupertuis, noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus einer theologischen Erwägung heraus entdeckt wurde. Maupertuis fragte sich, als er üie Balm eines durch ein Kraftfeld gehenden Teilchens bestimmen sollte, wie denu eine Bahn beschaffen sein müßte, welche in ihrer Vollkommenheit der V ollendung Gottes entsprechen, würde. Heute würde ein Physiker nicht mehr so fragen, aber, obzwar die Formel verschieden ist und man nicht mehr Gott nennt, machen die Physiker doch immer den einfachsten Ansatz für ein Naturgesetz. Die Wissenschaft behielt den Glauben an die Vollkommenheit der Natur, wie ihn der französische Physiker hatte, 359

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