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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 110

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 110)
Language
German
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nebenbei gesagt, auch die Bestrebungen nach einer Weltsprache zurück, und sie sollte, um ihren Zweck zu erfüllen, genaue und scharfumrissene Bedeutungen haben, wie die mathematischen Zeichen. Um so unverständlicher ist es, wenn die Esperantisten den sonderbaren Ehrgeiz haben, ihrer Sprache durch Übersetzungen aus der Weltliteratur die Schönheit der gewordenen Sprache zu geben und um die Worte jene Atmosphäre von Zwielicht und Nuance zu schaffen, welche wohl die Schönheit der gewordenen Sprache ausmacht, aber auch ihre Unbrauchbarkeit für eine Characteristica universalis.) In den Kriegs- und iSachkriegs jähren wendete sich Whitehead dem Studium der ungeheuren V eränderungen zu, welche die neue durch Einstein inaugurierte Physik in dem Denken der Naturwissenschaftler hervorgebracht hatte. In den Büchern, die W hitehead über dieses Thema schrieb, ging er wohl auch auf Einzelheiten ein. Er übernahm Einsteins Grundthese: die Einheit von Raum und Zeit, aber er widersprach Einsteins Lehre vom gekrümmten Raum und glaubte die Resultate der Relativitätstheorie festhalten zu können, ohne sich so weit wie Einstein von der traditionellen Physik und den hergebrachten Ansichten entfernen zu müssen. Die Diskussion dieser Frage kann hier nicht verfolgt werden. Sie tritt auch an Bedeutung zurück gegenüber den Erörterungen Whiteheads über die Denkweise des Physikers, in denen er zu zeigen sucht, aus welchen Quellen das physikalische Weitbild stammt, das heute durch die neuen Theorien schnell erschüttert wurde, nachdem es das 18. und 19. Jahrhundert hindurch fast unangezweifelt geherrscht hatte. Whitehead geht in der Analyse der modernen Physik weit zurück: bis zum griechischen Drama. „Die Väter der wissenschaftlichen Überzeugung von heute sind die großen Tragiker Athens. Ihre Vision des kalten und gleichgültigen Fatums, weiches den tragischen Ausgang notwendig und unausweichlich macht, ist die Weltanschauung der heutigen Wissenschaft geworden. Das Fatum der griechischen Tragödie ist die Naturordnung des modernen Denkens. Die Gesetze der Physiker sind heute die Fügungen des Fatums/4 W hitehead beschreibt die Sitzung der Royal Society in London, die den Bericht der Kommission entgegennahm, welche die berühmte Sonnenfinsternis photographiert hatte, die über die Einsteinsche Behauptung entscheiden sollte, daß die Lichtstrahlen von der Sonne abgelenkt werden. „Die ganze Atmosphäre der Sitzung war die des griechischen Dramas: wir waren der Chor, welcher die Schicksalsbestimmung kommentierte, die sich in einer Naturbegebenheit von höchstem Interesse offenbart hatte." Whitehead zeigt, wie dieser Glaube an ein unentrinnbares \ erhängnis (das natürlich nicht immer Lnglück bedeuten muß: das Lnglück illustriert dem Menschen nur die Lnentrinnbarkeit in besonders greifbarer W eise) von den Griechen über die Römer dem Mittelalter vererbt wurde. Das römische Reich ist von diesem Glauben durchdrungen, ein Rechtssyfctem, das in den empirischen Tatsachen nur den Einzelfall abstrakter Prinzipien sieht. Ohne diesen Glauben, daß jede Einzeltatsache allgemeine Prinzipien offenbart, Märe die hingebungsvolle Arbeit der Wissenschaftler an der Erforschung der 358

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