Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 109)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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wäre Fiktion mit Wissenschaft identisch und die ganze Fruchtbarkeit der Scheidung von Fiktionen und rechtmäßigen Theoremen dahin. Es tut also not: sich auf die kategorialen Voraussetzungen jeder issensehatt und im Falle der Physik besonders auf deren kategorialen Sinn und Absicht zu besinnen. Innerhalb dieser kategorialen Voraussetzungen (aber nur innerhalb ihrer!) ist die Physik verpflichtet, so wirklichkeitsnahe zu sein als nur möglich und sich so weit als möglich von überflüssigen Fiktionen und Abstraktionen zu entfernen. Aber als Wissenschaft wird sie sich doch bewußt bleiben müssen, daß ihr Wesen Abstraktion, Objektivierung, also Wirklichkeitsentfremdung ist. Dieses scheinen mir die allgemeinen Grundsätze zu sein, von denen aus man das Werk eines Physikers beurteilen müßte, der wie wenige andere in unserer Zeit das Problem „Physik und Wirklichkeit" in den Mittelpunkt seiner Erwägungen gestellt hat: A. W. Whitehead. In Deutschland ist sein Name kaum bekannt. Nur die Fachgenossen kennen seine ersten mathematischen Werke. Seine Kritik der Einsteinschen Relativitätstheorie fand noch in Deutschland meines Wissens keine Gegenkritik. In Frankreich hat Bergson wiederholt auf den englischen Philosophen hingewiesen. In Amerika ist er jetzt durch seine Lowell-Vorlesungen über die Wissenschaft und die moderne Welt und über Religion berühmt geworden. Und nunmehr hat Harvard den „Physiker, Philosophen und Propheten", wie ihn eine angesehene Wochenschrift Amerikas nennt, dauernd als Professor von England nach Amerika berufen. Alfred North Whitehead ist heute 66 Jahre alt. Seine Karriere ist die typische eine-, Lniversitätsgelehrten: erst Dozent für Mathematik, dann Professor in London, Präsident der mathematischen Gesellschaft, Mitglied des Rates der Royal Society. Seine ersten Arbeiten gehörten jenem Grenzgebiet der Mathematik an, auf dem sich während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Philosophen und Mathematiker bemühten, den Unterschied zwischen Mathematik und Logik zu verwischen, die Mathematik zu logisieren und gleichzeitig die Logik zu mathematisieren. In Deutschland haben Schröder und Frege auf diesem Gebiete gearbeitet, in Frankreich Couturat, aber das Mutterland der algebraischen Logik war England, wo die Bewegung von Boole, Baynes, Jevons, \ enn ausgegangen ist und wo sie durch das gemeinsame Werk von Whitehead und Bertrand Russell, die dreibändigen ,,Principia Mathematiea44 (1910-1913) ihren Höhepunkt erreichte. Es ist eine dreibändige logische Grundlegung der Mathematik, fast durchaus in der Zeichensprache der mathematischen Logik geschrieben. Russell und Whitehead haben diese, den Leser befremdende und beängstigende Sprache gewählt, weil ihne n die gewöhnliche Sprache des Alltagsverkehrs mit ihren Zweideutigkeiten und Nuancen nicht geeignet erschien, ein strenges, wirklich unanfechtbares und in seiner Beweisführung überall durchsichtiges logisches W erk aufzuführen. Der Traum Leibnizens von der Characteristica universalis, einer dem Aufbau der Begriffe eindeutig entsprechenden Zeichensprache, ging so auf einem Teilgebiet der W issenschaft in Erfüllung. Die Mathematik hatte neues Land erobert. (Auf diesen Gedanken Leibnizens gehen. 357