Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
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HUGO BERGMANN DER PHYSIKER WHITE HE AD Gärung und Unruhe charakterisiert den gegenwärtigen Zustand der Physik. Die Wissenschaft, deren Fundamente so sicher schienen, daß diese Sicherheit die bewußte oder unbewußte Grundlage der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts bildete, entwickelt sich in den letzten Jahren stürmisch und kühn gerade in jenen Gebieten, welche hart an die Philosophie grenzen. Philosophische Grundprobleme - Raum, Zeit, Kausalität. Einsinnigkeit der Entwicklung aus der Vergangenheit in die Zukunft - scheinen fast in den Bereich experimenteller Entscheidung gerückt zu sein. In solchem Momente täte erkenntnistheoretische Besinnung auf die Grundlagen besonders not. Vor allen Erwägungen darüber, ob die Physik metaphysische Probleme zu lösen imstande sei und ob und inwieweit umgekehrt die Metaphysik in physikalischen Dingen mitzusprechen habe, müßte Klarheit darüber herrschen, was der Sinn des physikalischen Weltbildes sei. Auf diese Frage ist im Zusammenhange mit der Als-Ob-Philosophie in den letzten Jahren vielfach die Antwort gegeben worden: Das physikalische Weltbild ist eine Fiktion. Diese Antwort hatte viel Verlockendes für sich. Vor allem waren die wirklichen oder scheinbaren Parodoxien, welche die Relativitätstheorie mit sich brachte, leichter zu ertragen, wenn man sie als nützliche Fiktionen wertete oder abtat. Man sagte sich: Erlauben wir der Physik zum Zwecke der Erreichung ihrer praktischen Ziele beliebige logische Sprünge. Erlauben wir ihr die Methoden, welche die Mathematik letztlich entwickelt hat - vieldimensionalen und krummen Raum usw. - zu gebrauchen und wenn sie es für praktisch findet, diese neuen Methoden mit alten Namen, Raum, Zeit usw. zu benennen. Das alles sind „Maßnahmen praktischer Natur" (Diugler), die im Grunde aber Fiktionen sind und uns daher philosophisch nicht zu beschweren brauchen. Nun aber zeigt sich im Fortgang der Diskussion, daß dieser Name Fiktion zwei ganz verschiedene Dinge deckt. Auf der einen Seite wird er rechtmäßig für solche Begriffsbildungen gebraucht, welche provisorisch mit dem Bewußtsein ihrer Vorläufigkeit und sogar ihrer Unrichtigkeit aufgestellt werden. Es wird aber kaum viele Physiker geben, welche zugestehen werden, daß die physikalischen Sätze in diesem Sinne Fiktionen sind. Aber es gibt einen anderen Sinn: man bezeichnet die physikalischen Theorien als Fiktionen, weil sie kein Abbild der Wirklichkeit sind. Nun hat aber die philosophische Erörterung seit Kant das eine über alle Zweifel hinaus klargestellt: daß die Wissenschaft nicht die Aufgabe hat, die Wirklichkeit abzubilden, sondern daß das Weltbild, das sie schafft, eine Bearbeitung der von uns erlebten Wirklichkeit darstellt, welche unter dem Gesichtswinkel gewisser, der betreffenden Wissenschaft eigentümlicher Denkmethoden und Kategorien durchgeführt wird. Erst unter dem Gesichtspunkt dieser Kategorien, der „Erkenntnisinstanz, auf die M ir die Aussage beziehen" (Cassirer), hat die Wissenschaft überhaupt einen Sinn. Wollte man eine Wissenschaft deswegen, weil sie die erlebte Wirklichkeit bearbeitet und keineswegs Abbild der Wirklichkeit ist, Fiktion nennen, so 356