Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 107

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 107)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823779--0854-2824804
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wissen Wahnvorstellungen, die intellektuell nicht faßbar sind, "Nachwirkungen aus frühmenschlicher Urzeit zu sehen, so können wir dies aufnehmen und zur Weiterführung der Theorie darauf hinweisen, daß jene nach innen verlagerten Organe vielleicht bei einzelnen atavistischen Individuen durch pathogene Gesamtgehirnentwicklung noch so zu funktionieren streben, daß sie den Intellekt mehr zurückdrängen, als ihnen nach ihrer derzeitigen Rückbildung normalerweise zukommen dürfte; daher dann die den Intellekt störenden Wirkungen. Es müssen also - daran ist auch ohne unsere Beweisführung aus allgemein anatomisch-stammesgeschichtlichen Gründen kein Zweifel - in früheren Stadien der Sinnesentwicklung noch alle Funktionen eines reflektierenden Bewußtseins geschwiegen haben. Je weiter wir in die untermenschliche Natur hinabsteigen, um so mehr treffen wir auch auf das reiner sich heraushebende Instinktmäßige ohne jede reflektierende Gehirnfunktion. Der Kulturmensch schließlich hat am wenigsten Instinkt oder hellseherisches, hellhöriges Vermögen mehr; er hat am meisten Reflexion, Intellekt und Technik. Jenen hier nun vergleichend anatomisch und paläontologisch begründeten Zustand ältester Sinnesempfindung wollen wir den Ursinneszustand und die Gesamtheit seiner Organe und ihr einheitliches Lebensgefühl bestimmter Art die Ursinnessphäre nennen. Wir nehmen sie als Ausdruck eines ganz anders gearteten sinnenhaften Erlebens und Erfühlens der Außenwelt. War aber der Mensch in irgendeiner Form, wie wir vermuten dürfen, in früheren Epochen seiner naturhistorischen Entwicklungszustände solcher Sinnesorgane mehr oder weniger teilhaftig, deren Anlage ja heute noch bei ihm in veränderter Form vorhanden ist, so würde uns, wie schon gesagt, aus diesem psvchologisch-sinnenhaften Urzustand manches erklärlich werden, was wir in unverstandenen Sagen und Märchen antreffen und wofür uns die rein intellektuelle Erklärung fehlt. Er hatte ein anderes sinnenhaftes Weltbild, und die Ursinnessphäre ist der lebendige Ausdruck jenes Zustandes. Das würde uns dann auch alte Sagen erklären, die von einem Stirn- oder Scheitelauge menschenartiger Wesen berichten, die gewisser natursomnambuler Eigenschaften teilhaftig waren. 355

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.