Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 104)
- Language
- German
- Belongs to
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bestehende Sinnessphäre vor uns, die zeitlich-stammesgeschichtlich vor der Großhirnentfaltung liegt und die, wie wir gerade durch die Bezugnahme auf gewisse fossile Tierformen sahen, auch einmal wirklich als solche funktioniert haben könnte. Es läßt sich aber noch mehr sagen, wenn wrir es zu Ende denken. Der dorsale Parietal- und Paraphysensinn, über dessen Wesen wir zunächst noch schweigen wollen, war ursprünglich ohne Großhirnentfaltung vorhanden. Es ist wichtig, daß jene Organe gar nicht vom Großhirn, unter dessen Uberwucherung sie später verhüllt sind, ihren Ausgang nehmen. Vielmehr entsenden sie ihrerseits Nerven, die sich selbständig in das Gehirn einsenken, gerade wie die Würzelchen eines eingesetzten Pflanzenkeimlings sich in das Erdreich senken. Wie nun die Pflanze eine Welt für sich ist und das Erdreich auch, so sind vergleichsweise auch jene Ursinnesorgane innerhalb des ursprünglichen Gesamtorganismus eine Sinnessphäre für sich gewesen. Als deren Einzelorgane daher wesentlich nach außen wirkten und noch nicht rückgebildet nur nach innen sekretorisch in Tätigkeit waren, wie bei unserem Panzerfisch und einem aus alledem hypothetisch abzuleitenden Urtier, so muß die von solchen Tieren perzipierte Umwelt von anderer Qualität gewesen sein; d.h. jene Sinnessphäre selbst muß in ihrer Gesamtheit anders gewirkt haben, als eine mit dem reflektierenden Großhirn erst aufkommende, die uns von den höheren Tieren her geläufig ist und aus den normalen Sinnen des Auges und Ohres vornehmlich besteht. Waren, wie gezeigt, jene Sinne ursprünglich in ihrer Arbeitsweise unabhängig vom damals noch gar nicht vorhandenen Großhirn, so verloren sie diese Selbständigkeit mehr und mehr, als sie sich auf die beschriebene Weise mit dem werdenden Großhirn verbanden, dann von ihm ergriffen, und umgriffen, schließlich von ihm mehr oder weniger überdeckt und zuletzt beim Säugetier und Menschen von der Außenwelt völlig abgeschnitten wurden. Schritt um Schritt damit schlössen sich auch die Schädellöcher; zuerst die der alten Fische, so daß nur das Parietal- bzw. Pinealorgan der Amphibien und Reptilien übrigblieb (Fig. 4), bis endlich das Säugetier auch dieses nicht mehr zeigt. Dafür aber bildete sich bei ihm der starke Gehirnschädel aus, es bildeten sich immer vollendeter Auge und Ohr aus, also gerade jene Sinnesorgane, die mit dem einfachen Geruch und Geschmack uns heute allein bewußt gegeben und in ihren spezifischen Quaütäten unmittelbar bekannt sind. 352