Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823779--0844-2824794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
einen Mechanismus bezeichnet, aber nicht als Erlebnis begriffen würde. Es ist so, wie wenn man einem von Natur Blinden die rote Farbe verständlich machen wollte und ihn lehrte, daß rotes Licht aus Ätherschwingungen von soundsoviel Millionstel Millimeter Wellenlänge bestehe; er wüßte vielleicht von einer anderen Gefühlsseite her, was eine Welle ist, könnte sich auch eine so unendlich kleine Welle eines starren Stoffes allenfalls denken und wüßte doch nicht, was Rot ist, weil er es nicht in der spezifischen Sinnesqualität erlebt hätte, die ihm abgeht. Mit den In* stinkthandlungen der Tiere steht es trotz aller Tierpsychologie nicht anders, weil wir zu aller Deutung der untermenschlichen Sinnesreaktionen auf unseren Intellekt angewiesen bleiben, wie wir ja auch das Mitschwingen desselben bei unseren eigenen Sinnesempfindungen nicht hintanzuhalten vermögen und deshalb selbst niemals ganz reine, unbefangene Sinnesempfindungen haben, wie sie Tiere ohne Großhirn sehr wohl haben können. Nun beschränken sich alle Aussagen über die Welt aber zuletzt nur auf sinnesmäßige Gefühlsqualitäten, wie weich und hart, hell und dunkel, bitter und süß, leicht und schwer. Nur für den Geruch haben wir keine solch einfachen und unmittelbar durch Eigenschaftswörter allein ausdrückbaren Kriterien; sondern um Geruchseindrücke sprachlich wiederzugeben, müssen wir bestimmte Erfahrungsgegenstände oder Substanzen, an denen wir die Gerüche erprobten, mit nennen. Es gibt keine ausdrückbare Geruchsqualität in jenem abstrakten Sinn wie weich und hart, rot und blau, bitter und süß, laut und leise; sondern bei der Geruchsbezeichnung reden wir gegenständlich vergleichend und sagen: es riecht wie Blumen, es riecht wie Essig. Und wenn wir wohl auch sagen, es riecht stechend, es riecht süßlich, so ist dies eine übertragene Sprechweise, die auf Parallelaffizierung anderer Sinnessphären beruht. Es gibt ja auch Menschen, die beim Tönehören Farben sehen; vielleicht auch beim Riechen und Schmecken. Aber dies sind reine Assoziationen, die das über die Ausnahmestellung des Geruchs Gesagte nicht verneinen und die wohl aus vorherigen Erlebnissen fließen, aber nichts an der Tatsache der spezifischen Sinnesqualitäten ändern. Der Geruch nimmt also unter den Sinnesempfindungen und in der abstrahierenden Wiedergabe seiner Eindrücke in unserer Bewußtseinssphäre eine Sonderstellung unter den Sinnen ein. Nun wissen wir anderer- 345