Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
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EDGAR DACQUfi DIE U RSINNE SSPHÄRE Das empirisclie Erkennen unserer Umwelt als eines äußeren Seins und Geschehens hängt von unseren Sinnen ab, und die Art dieser Umwelt sowie unser Verhalten darin entspricht den spezifischen Sinnesqualitäten. Die Sinne, begriffen als lebendige Einheit von Aufnahme und Bewußtwerden des Eindrucks, gestalten aus den auf unser Wesen eindringenden Reizen die unserer Sinnesstruktur gemäße Anschauung der äußeren Welt als des Nicht-Ich, die uns nur auf solche Weise zu einem empirisch Gegebenen wird. Da unserem Auge beispielsweise die Aufnahmefähigkeit oder wenigstens die Möglichkeit der Weiterleitung des Reizes ultravioletter Strahlen bis in die Sphäre des Bewußtwerdens mangelt, so entgehen uns eine Anzahl von Naturerscheinungen, die wir andernfalls als etwas Selbstverständliches wahrnehmen würden. Ein Naturforscher hat einmal anschauliche Betrachtungen über die aus der Sinnenhaftigkeit der verschiedenen Wesen sich ergebende „Weltanschauung" angestellt und auf die Eintagsfliege hingew iesen, deren Leben zwar für unsere Begriffe außerordentlich kurz ist, deren Sinne aber so fein sein könnten, daß jenem Tier sein Dasein eben wegen der unendlich verfeinerten und darum unendlich zahlreicheren Eindrücke und Reaktionsfähigkeiten ebenso lang erscheinen könnte wie uns das eigene Dasein. Es gibt nun in der Erdgeschichte Tiere — und auch heute leben noch einige Restformen - mit einer Anzahl Sinnesorganen, die wohl besondere Sinnesqualitäten darstellen, deren Wesen und Bedeutung uns aber noch recht unklar geblieben ist. Sind doch beispielsweise gerade die merkwürdigen Sinnesbesitztümer der Insektenwelt wenig durchforscht und, wo sie durchforscht sind, wenig befriedigend gedeutet. Manche Insekten haben z. B. oben auf dem Kopf eine kleine Ozelle von Augencharakter, unbeschadet ihrer richtigen Augen. Wir wissen, daß sie stundenweit herkommen und sich in einer uns unverständlichen Weise im Raum orientieren können. Man hat auch schon von Antennenwirkung der Fühler gesprochen und damit eine der Physik entlehnte Hilfsvorstellung herangezogen, die vielleicht ebensoviel Richtiges an sich hat, wie wenn wir unser Auge mit der Wirkung einer Camera obscura vergleichen, ohne daß damit die Qualität des Sinnes und das im Reflexionsvermögen allenfalls auftretende Empfinden anders als durch 344