Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 91)
- Language
- German
- Belongs to
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sie furchtbarer Täuschung ausgesetzt! So furchtbarer, daß die Angst hiervor alle bisherigen Geist-Gewalt-Taten der Menschheit noch überkrampfte: aufs äußerste strengte die Seele die Kraft ihrer Leidenschaft an, die tödliche Ernüchterung fernzuhalten. Dieser Angst genügte kein Lachen, genügte nicht: im Satyr-Drama, in der Komödie das auslachende Gelächter aus der Wortlosigkeit verwandelt zu haben in den Logos des Worts, in diese vom Logos der Vernunft sich auf den Leib geschmiedete Waffe. Diese Angst schuf sich durch das Fieber-Wort des Rauschs statt des Gottes, der schnöd im Stich ließ, einen besseren, einen verläßlicheren Gott; und der dennoch nicht bloß ein vernünftiges Wort saute, sondern ' ~ v. ■ durch seine Rede ein begeisternder Gott war, der die Seele nicht weniger als der Rausch mit Spannung erfüllte, dann aber nicht täuscheriseh rausch-gleich entwich; einen Menschen-Gott: so leibhaftig w ie Menschen nur sein können, leibhaftiger, tatsächlicher, tat-persünlicher, wahrhaftiger als je ein Gott vorher, deren jeder schon je den Glauben betrogen. O, diese Seele verbarg sich durchaus nicht, wie schändlich ihre Götter sie zum Narren hielten; sie alle, nicht nur Dionvsos. VI ie niederträchtig mit Neid, List, Willkür gefühllos diese Götter oder das, freilich auch sie zwingende, Schicksal den Menschen das Erdenklichste an Schrecken in den W eg werfen. Wie kaum je sie die heroische Größe, die Svmphonie von Begeisterung und Leben, den Sterblichen gönnen. ie die Himmlischen, die Geistigen, Dionysos eingeschlossen, den Irdischen eine Mäßigung befehlen, die diesen gerüttelten Spielbällen des Geschicks notwendig fehlt; und wie sie dann unmäßig strafen: mit Untergang, und nicht einmal mit edlem, sondern den Ohnmächtigen noch besudeln mit allem Gift und Geifer schmählicher Rache-Tücke: mit stinkender, mit markverzehrender Krankheit, mit Irrsinn, Verrat, Blut-Schuld und Blut-Schande, die sie über die Seele wälzen. Da ertönt über das Hohn-Lachen, da ertönt über das Hohn-Wort der Elenden, Geschändeten, Betrunkenen ergreifend aus ihrer letzten Begeisterung ein unerhört neues Wort, ein sich erhörendes Gebet: die Evokation eines Helfers wider das Schicksal, eines hochzeitlichen Gottes, der Geist und Seele in ihrem Widerstreit befriedigend H vereine, nicht in einem faulen die Kraft auflösenden Frieden, sondern durch die Pforte der Passion hindurch in den passionierten Triumph. Alle Personen, alle Orakulanten dieser szenischen Gott-Beschwörung glühn ihre Glaubens-Kräfte zusammen - und siehe! die Tragödie erlebt 33<>