Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823779--0833-2824783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rausch der Erotik, der auch jenes selige Gefühl der Gott-Geschwelltheit eingeistete, stillte trotz Uberreizung - und wahrlich, Babel hat ihrer nicht verschmäht; auch die europäische Bock-Geilheit der Dionysien und Saturnalien nicht; noch unser zahmer Karneval schlägt „unsittlich44 über die Stränge! - den Durst nach Aufregung auf die Dauer nicht. Jederzeit entbot aber der Rausch-Trank der Seele das Selb-Gefühl, sich selb zu kosten; sich im Elan des Auf- und Uberschwungs des Geists; ohne des Geists tvrannischen Druck. Aber auch dieser Rausch verrauscht, auch der Gott, der den Menschen gegen die rationalen Götter enthusiasmiert hat. läßt ihn im Stich: - da fletscht der Mensch knirschend die Zähne gegen die Macht, die ihm die Ambrosia des Rauschs aus den Adern, die Speise der Macht aus den Zähnen reißen will; dem Hund gleich, der fletschend den Knochen verteidigt. Grinsender Zynismus wird schließlich dies Fletschen, wenn der Mensch nicht mehr weiß, wen er anfletschen soll. Anfangs aber weiß er: den Gott selb, den Rausch-Gott, der ihn schnöd verlassen; den Teufel d. i. den Gott, der ihn foppt, den Schein-Gott, der ihn um sein Wesentliches, um sein schwer-erkauftes Seelen-Heil betrügt, um sein Rausch-Glück einer Wiedergeburt. Und da beim Menschen des Hundes stummes Fletschen längst klingendes Anlachen geworden, so schlug das jetzt um, in dieser Quetsche auswegloser Seelen- Not, in den Hohn des Auslachens, in das irr gegen sich selb wütende Verlachen, in das schneidende, scheidende, erlösende Lachen. Der Ekstatiker der Rausch-Religion lachte rasend des dummen Teufels, der sich einbildete, ihn foppen zu können, dieweil er, der Mensch — das zu glauben, zwang ihn das gesteigerte Selbgefühl seiner Seele - vielmehr ihm den Laufpaß gab: die aus dem Rausch wiederkehrende Vernunft sprach dem Katzenjammer zu, daß der Rausch-Gott es sei, der das Spiel verloren habe und seine Herrschaft nicht behaupten gekonnt. Die Götter des Weines sind selber besoffen - wurde das Dogma des aus der Höhe der Betrunkenheit fallenden Menschen. Das er in seiner astrologischen Religion dahin orientierte: die fallenden, in die Unterwelt fallenden, Sterne, das sind die betrunkenen Götter, weshalb während des Schalt- Endes des atsrologischen Jahrs die Stern-Götter eine solenne Kneiperei abhalten müssen (den Sylvester-Punsch); was sich natürlich nicht aus dem Vernunft-Haushalt versteht, der vielmehr die Pause der Ordnunglosigkeit nur hätte mit gemessenem Ernst, ohne Lachen, ohne Gröhlen 334