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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 85)
Language
German
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der Religion, der Toten-Geister-Glauben, mit all seinem Grausen da lebendig wurde. Dann werden wir erkennen: Vernunft - ist Flucht vor Angst; und Rausch - ist die Angst und Flucht vor Angstlosigkeit, heraus aus der Vernunft, als diese die Seele zwar aus der Toten-Angst geflüchtet hatte, sich ihr aber selbst als tote Ordnung auflegte. Lnd Hohngelächter - ist das Wutbellen des Trunkenen, wenn nun auch der Rausch von ihm flüchtete, ihn im Stich ließ. Ausrauschung-Einrauschung: dahinter steht der Anfang, das religiöse Grund-Erlebnis, dessen Gewalt dem Menschen Gewalt getan hat, bis er sich selb überschlug, bis seine Seele ausfuhr aus der geruhigen Tierhaftigkeit in die rasende Energie, die alle Menschlichkeit und Menschheit in Schwung gebracht hat und noch erhält, in alle Ängste und Fluchte und Räusche: - das ewig-erschütternde, allen Fluch, allen Segen in sich tragende religiöse Ur-Erlebnis: daß der Geist über die Seele kommen ist und die Seele über den Geist will. Und doch nicht mehr entgeistete Seele sein kann und neuen Geists bedarf, immer neuen und doch des alten. Geist genommen in allem und jedem Sinn, dessen dies Wort fähig ist: vom Toten-Geist an, zumal dem des toten Vaters, der über die Seele des Menschen-Sohns kam, bis zum letzten Vernunft-Glauben, daß Geist die Vernunft sei! Aber es ist Zeit, diesen Glauben abzulegen, der uns zu der ärmlichen Folgerung verleitet, die menschliche Geistigkeit habe sich aufgebaut durch Kombination von vernünftigen oder nützlichen Erfindungen und Entdeckungen mit immer mehr abgeklärten Bildern des Traums. Ohne Leidenschaft also, ohne Erguß von Fanatismus. Geist bedeutet nicht Evolution, sondern Passion der Seele, Passion bis zur Revolution. Als der Toten-Geist vampyrisch der Seele das Blut absog, riß sie einst ihn sich ab in so wilder Qual, daß in dieser Bewegung sie nicht früher rastete, als bis sie ihn in Himmel und Hölle weggeschleudert, den Geist zum Gott oder Gegengott gefernt hatte. In der Kraft dieser Wut aber - welche Seligkeit! welches Leben durchströmte die ausbrechende Seele! welche Fülle und vorher nie gekannte Weitschaft! Aber als sie aus dem Toten-Geist den lebendigen Gott geschaffen, den ihrem Leben zuträglichen, ward ihre Bewegung selbst wieder tot; und doch trug die Seele jetzt unstillbare Gier nach nicht weniger Fülle und Ausdehnung, als wozu sie sich geweitet. Da schuf sie sich den Ersatz-Geist, einen Einguß von Geist, den willkürlichen Rausch. Denn der mehr unwillkürliche 333

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