Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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Karneval angetrunkene Rausch, nicht der zufällige beliebiger Gelegenheit. Der revolutionäre Festrausch: er gibt die Weltflut, die Götter- und Völker-Schicksale verspült. Diese heftigste, also vorderste und älteste, Rausch-Welle, die ist's, die ihre Zunge gestreckt und Bresche gerissen hat mitten durch die Deiche der Ordnung-Religion, die aus dieser Veste eines Pantheon-Kosmos allerhand Steine ausgebrochen und mitgeschwemmt hat, und die dann mit diesen Trümmern eines Festen ihren auflösenden Schwall selbst wieder verbaut und zugestaut hat zu neuem See-Becken wieder geglätterter, wieder geruhiger Kultur — der unsrigen —, durch deren Wall und über deren Bord weg Karneval, und auch nicht-karnevalistischer Suff, nur wie ein Unfug verstohlenermaßen oder durch Ventile knapp durchsickern darf, hier und da, in seicht verkümmernden Rinnsalen. Aber schwach und entfernt, sie weisen doch noch auf die Durchbruchstelle dämonischer Gewalt. Des Dämons Bacchos. Der mit einem Pandämonion das Pantheon überrauscht hat. Wie kam der Mensch an den Dämon des Rauschs? Wie kam der Mensch an den Dämon der Vernunft? Der Dämon des Rauschs ist der Dämon der Vernunft; der Dämon der Trunksucht packte die Menschheit, weil und als die Vernunft ihrem Dämon den Laufpaß geben mußte. Dem Dämon, der sie peitschte, bis daß sie in Gott ruhte. Die Schöpfung des Pantheons war dämonische Energie. So furchtbare, daß sie mit Erschöpfung enden mußte. Gedenken wir des vorhin über die Größe der Denk-Tat Gesagten! Die Vehemenz eines Schwungs der Gedanken, die Gott und Welt in eine Sphären-Musik schwang, schwang die Denker-Seele in den Rausch; entschwang ihrem Rausch die Kraft zum Rausche-Flug. Enthusiasmus, Gott-Besessenheit, darin wußten die Alten das Wesen der Wissenschaft; noch Philo Judaeus, einer der als nüchtern beschrieenen Alexandriner, der übrigens auch zwei Bücher über die Trunksucht geschrieben, nennt seine Gelehrsamkeit Enthusiasmus. Wenn heutige Wissenschaft so methodisch-langsam, so ernüchtert-bescheiden, so skeptisch sich selbst anfressend oder selbstgefällig jeden Kiesel beleckend prosaisch im Staub kriecht, ist es, weil sie auch nur so rinnsälig der großen Denkflut nachtröpfelt, wie Karneval und Suff heut der dionysischen Rauschflut. Gedenken wir weiter des über die Geister- Angst Gesagten! wie die Angst über die vernünftigte Seele kroch, wenn ihr Vernunft-System ein Loch kriegte: das Schaltloch; wie die Vorwelt 332