Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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Humanität schlägt zurück in kannibalischen Blutdurst; dem Publikum des Euripides erscheint nicht unglaubhaft, daß die Bürgerinnen Thebens (nicht die Sklavinnen, der Pöbel; nein: die Damen der Gesellschaft!) beim mänadischen Schweifen wie Metzgerhunde eine Rinderkoppel anfallen und die Königmutter ihren Sohn bei lebendigem Leib zerreißt. Das Schauspiel der Wirklichkeit war nicht gelinder: aus zahlreichen Zeugnissen steht fest, daß diese Frauen dem Opfer-Tier - dem Opfer- Stier meist; in ihm wurde Dionysos selbst vorgestellt - das Fleisch mit den Zähnen heruntergerissen haben; der häufige Beiname des Gottes „Roh-Fleisch-Fresser" erinnert, wie Schlingen rohen Fleisches in seinen Dienst gehört hat. Man blieb auch nicht beim Opfer, es zu töten; man zerriß die Schlangen in Händen. Man blieb nicht beim Tier: diese Weiber, selbst Mütter, zerrissen kleine Kinder, Glied um Glied, und fraßen sie auf. Vom Opfertier griff man zum Menschenopfer zurück: von Chios, Tenedos, Lesbos und Kreta wissen wir's; von wieviel anderen Kultstätten nur wegen der Kargheit an Nachrichten nicht auch? Von Chios und Tenedos wissen wir sogar, daß auch dies Menschen-Opfer bei lebendigem Leib in Stücke gerissen wurde. Auch verwechsele man dies, soll ich sagen menschenfresserische oder bestialische? Zerreißen und Zerbeißen von Kindern und Unschuldigen nicht mit der Hinrichtung von Verbrechern an apollinischen Sühn-Festen! Das Mexiko Huitzilipochtlis, Dahomey und der schlimmste Moloch-Dienst weisen nichts Schliinineres auf. Auf Weiber-Seite! - Merkwürdig: die Männer stehn mänadisch zurück. Soweit nicht etwra amtlich als Priester beteiligt. Exzedieren in Baccho wie es scheint nur im heutigen Sinn. Vergießen nicht Blut, sondern gießen sich Wein ein. Jagen nicht über die Berge, sondern sitzen nieder zum Sauf-Kampf. Aber darum daß sie den Kult der Raserei den Weibern überlassen, rasen sie selb frei vom Kult-Zwang dionysisch um so mehr. Spielen den freien Orgiasmus gegen den gebundenen aus. W erfen der jonischen Natur-Philosophie und der Vernunft des Anaxagoras den orphischen Traum Piatos, die Ideen d. h. Gesichte, in den Weg. Unterwerfen alles göttlich-Gesetzte der leidenschaftlich-trunkenen zitternden Wallung. Dionysos zwang die Pythia in seine Ekstase, in ihr, statt aus Zeichen, fortan zu weissagen; zwang selb dem Apoll, dem metrischen, Maß-Gott, den Schwärmer-Kranz des Efeu auf die olympische Stirn; schwang sich, den dem Homer noch so unwichtigen, in die Adern all der 323