Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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Nicht der natürliche Rausch mit seinem Toben und Frieden, geistliche Verzückung und Verzerrung wird begehrt. Dionysos der Tobe-Gott, dessen wilde Jagd winternächtig, märzstürmisch über Wald und Berg braust, ist ursprünglich nicht eins mit dem Gott der Rebgärten und des strotzenden Weinschlauchs. Das delirium potatorum und die dionysischen Delirien waren den Griechen durchaus verschiedene Dinge: als König Kleomenes von Sparta, lebenslänglich trunkfällig, schließlich geist-betäubt sich den Bauch aufschlitzte, hat selbst ein so götterfürchtiger Mann wie Herodot darin allenfalls eine Strafe des Schicksals, aber bewahre keine göttliche Tat zu sehen vermocht, und die nüchternen Spartaner urteilten eiskalt: sowas komme von der Vorliebe für den Ungemischten. Gleichgültig auch das Mittel, das in den heiligen Rausch setzen mag: die Mänaden schöpften ihre Begeisterung nicht nur aus der Kanne. Auch ist nicht alles, was wir Orgie nennen, dem Bacchos rechte Orgie; sogar eine gewisse Nüchternheit und Enthaltsamkeit verbietet er nicht: trotz der ..Götterkinder", die von den Mänaden zur Welt gebracht wurden, trotz des Eindringens des Bacchos-Rauschs gerade auch in die phallischen Kulte, darf Euripides in seinem Bacchen-Drama sagen: „zwar zwingt Dionysos die Frauen nicht, gegen die Lockung der Kypris sich schamhaft zu halten; aber in ihrer Natur liegt es, allezeit und in allen Dingen schamhaft sein zu können." Und doch schlägt dieser sozusagen besonnene Wahnsinn aller Menschlichkeit bewußt ins Gesicht. Schlägt zurück in Tierhaftigkeit: darum müssen sich dieMänaden in Hirschkühe verkleiden; darum Schlangen in ihren Händen. Schlägt zurück in schamanische Unterstufe von Religion, die mit nerven-zerrüttenden Tänzen einen Geist sich einzaubert; den Tanz-Orgien der wilden Völker, der Derwische und Fakire, den epidemischen Tanzsüchten auch unseres Mittelalters haben berufene Forscher die mänadischen Schwärme verglichen. Ein Hexen- Sabbat fand statt auf dem anderen, dem Apoll ungeweihten, Gegen- Gipfel des Parnaß: die Pilgerinnen zum delphischen Tempel tobten im dicken Schnee nächtens dort gellende Fackel-Reigen: die Teufels- Tenne heißt er davon noch heut. Auch den Geißlerzügen wären diese Reigen wohl zu vergleichen, mit Dolchen und versteckten Lanzenspitzen ritzten sie sich; Plutarch berichtet vom Dionysos-Fest der arkadischen Agrionen, mit gezücktem Messer habe der Priester des Gotts den Mänaden nachlaufen müssen und welche er erreichte niedergestoßen. 322